Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Malerschule von Nürnberg im XIV. und XV. Jahrhundert
Person:
Thode, Henry
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-519104
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-521070
BEIDE 
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Altares ein direkter Schüler und Nachahmer unseres Meisters ist, aber freilich 
einer, der hinter seinem Vorbilde weit zurückbleibt. Die Gestalt des jugend: 
lichen, die Leiter ersteigenden Mannes mit dem wehenden Leibrock hat ihm 
offenbar einen großen Eindruck gemacht; er entlehnt sie fast getreu und bringt 
sie nur im Gegensinne wieder, auch den Frauenkopf in Profil und die knieende 
Maria giebt er ähnlich, sonst verfährt er im Hinblick auf die geringere Höhe der 
Tafel frei in der Komposition. Deutlicher, als an einem anderen, erkennt man 
also an diesem Bilde die nahe Beziehung, ja künstlerische Abhängigkeit des 
Meisters vom Hoser Altar, der ja mit Michel Wolgemut identifizirt wird, von 
dem Meister des Breslauer Altares. Das ist keine bloße Vermuthung, 
sondern darf als Thatsache ausgesprochen werden. Und wiederum wäre hier 
andererseits darauf hinzuweisen, daß auch in der Breslauer Kreuzabnahme 
wenigstens eine Figur sich findet, die in ihrer aufgeregten Bewegung und dem 
höchst eigenthümlichen Typus noch an Pfenning gemahnt, die des Johannes 
nämlich. 
Nicht minder lebhaft und ergreifend im Ausdruck, nicht minder hervor: 
ragend in Zeichnung und Modellirung scheint die Kreuzigung gewesen zu sein. 
Der erhabene Ernst in der schlank und edel gebildeten Gestalt des Erlösers 
wirkt tief erschiitternd  erst Dürer sollte eine solche Größe der Empfindung 
und Würde der Darstellung wieder finden. Nach meinem Gefühl hat der 
Künstler hier etwas noch Höheres, als in den drei anderen Kreuzigungsbildern 
erreicht. Die Gruppen rechts der Soldaten, links der Frauen und der Schergen 
sind wiederum sehr gedrängt, so daß Kopf neben Kopf erscheint. 
So erweitert und vertieft denn die Betrachtung des Breslauer Altares 
unsere Würdigung des Meisters und erlaubt jetzt, das Urtheil über denselben 
dahin zu fassen: aus der älteren Niirnberger Schule hervorgehend, hat er seine 
weiteren Studien in Flandern bei Rogier van der Weyden gemacht, dessen 
Stil er sich zum Vorbild genommen. Seine Darftellungen, namentlich der 
Kreuzigung, der Auferstehung und Kreuzabnahme sind freie und bedeutende 
Nachahmungen der niederländischen Werke, wie dies namentlich der Vergleich 
der Kreuzabnah1ne mit dem berühmten, jetzt in Madrid bewahrten Bilde 
Rogier7s erweist, erscheint auch das Pathos dieses Künstlers gemildert, die 
krampshaft erregte Bewegung der Figuren gedämpft zu einem mehr innerlichen, 
inbriinstigen Schmerzensgebahren. Rogier7s Typen: die länglichen Frauen: 
köpfe mit den schweren Augenlidern, langen Nasen, vollem Munde, kräftigem 
Kinn, die bärtigen oder bartlosen Männergesichter mit dem grämlichen Aus: 
druck, der scharfknochige jugendliche Kopf des Johannes mit den starken Kinn: 
backen, dem kurzgelockten Haar, kehren, nur wenig u1ngen1audelt, wieder. Die 
Auatomie des nackten Ehristuskörpers ist eine getreue Wiederholung derjenigen, 
die Rogier gegeben hat. Die Entlehnnng erstreckt sich bis auf die Trachten: 
Thode, Die Nürnberger Malersehule. 8
        

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