Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Hans Sachs und seine Zeit
Person:
Genée, Rudolph
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-513262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-515159
Hans 
studiert Luthers 
Sachs 
Schriften. 
135 
haben, aber so heiter sorglos, wie er bis dahin als wandernder Geselle 
in die Welt geblickt hatte, konnte er das Leben nicht mehr betrachten, 
wenn es auch für ihn einen höhern Wert erhalten hatte und ihm neue 
Gesichtspunkte für das menschliche Dasein eröffnete. Sein ernsteres und 
nachdenklicheres Wesen schien denn auch sein junges Weib zuweilen mit 
einiger Besorgnis zu erfüllen. Wenn er Sonntags seine Spaziergänge 
in den Laurenzer Wald über Gibitzenhof und bis zum Königsweiher 
machte, so mochte er immer gern allein sein, denn die Beschäftigung 
mit der Natur ist sein Leben lang für ihn eine der höchsten Freuden 
gewesen, und besonders in der ersten Sommerszeit fand er an dem 
Gesang der Vögel besonderes Wohlgefallen. Jetzt aber blieb er oft 
Stunden länger aus als ehedem, und wenn sein Weib ihn darum 
befragte, so antwortete er: das sei ganz in Gedanken geschehen. Zu: 
weilen versäumte er gar auch die Zusammenkünfte mit den Genossen 
der Meistersingfchule; dann war er abends bei der Lampe, oft bis in 
die Nacht, an seinem Tische sitzen geblieben und studierte in verschiedenen 
Büchern und kleinen Druckschriften, die er sich heimlich anzuschaffen 
wußte und in denen er so emsig las, als gelte es sein Lebensglück oder 
das Heil seiner Seele. 
Das war denn auch wirklich bei ihm der Fall und sein Weib 
durfte ihn in dieser seiner Beschäftigung durchaus nicht stören, während 
er das Geschrei der kleinen Kinder gar nicht zu hören schien. Nur 
einmal hatte er seine Frau, als sie sich etwas ungeduldig und wohl 
auch neugierig zeigte, darüber zu belehren gesucht, was ihn so sehr 
beschäftige. Aber sie war davon fast erschrocken und meinte, die Welt: 
händel da draußen gingen ihn gar nichts an. Da ließ er es denn sein, 
mit ihr darüber sich zu verständigen, studierte aber und arbeitete nur 
um so fleißiger weiter. 
Die mit Luthers Auftreten begonuene mächtige Bewegung hatte 
mehr und mehr auf sein Gemüt eine so tiefgehende Wirkung gemacht, 
daß er jetzt in seinem Fühlen und Denken ganz davon durchdrungen 
war und Tag und Nacht es nicht aus dem Sinn brachte, was dieser 
Augustinermönch zu Wittenberg wie mit Engelszungen 1md dabei so 
verständlich verkündet hatte. 
Oft freilich stockte der brave Schuster in der Lektüre der Lutherfchen 
Schriften, wenn ihm etwas nicht sogleich einleuchtend war. Gar häufig 
schlug er das schon gelesene Blatt wieder zurück, um die Stelle noch 
einmal zu lesen und ihren Jnhalt sich recht fest einzuprägen. Schon
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.