Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche Literaturgeschichte
Person:
König, Robert
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-505194
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-512610
Tas XII. Jahrhundert. 
Revolutionspoesie 
Die 
und 
Gegner. 
ihre 
599 
Dennoch fanden sich in dieser Sammlung noch einige ruhigere und erauicklichere Lieder, 
z. B. das an Verthold Auerbach gerichtete Lied: ,,Dorfgesahichten,H in welhem er 
den Entwicklungsgang dieser Prosaidhllen von Jang:Stilling und Pestalozzi bis auf 
Auerbach anschaulich vorführt und feiert. Von nun an war sein Leben ein nnstätes. 
Wegen seines Radilalismus verfolgt, ging er nach der Schweiz, wurde aber auch 
dort ausgewiesen und siedelte nach London über, wo er in das Banquierhaus Huth als 
CsIkkefpondent eintrat. Das Stnrncjaht 1848, das er mit revolutionärer Glut begrüßte, 
trieb ihn wieder nach Deutschland, wo er sich nun völlig in den blutrothen Zeitstrom 
hineintreiben ließ. Obgleich die Geschworenen ihn wegen des tollsten seiner damaligen 
Lieder: ,,Die Todten an die Lebend enU freisprachen, war seines Bleibens doch 
11iThk lange M VII Heimat; im J. 155t flüchtete er nach London, wo er wieder Kaufi 
wann wurde. Als Direktor einer schweizerischen Bankco1nmandite lebte er dort bis zum 
J. 1s67  da fallirte das Haus, und nun veranstalteten die politischen Gesinnungss 
genossen in Deutschland eine Geldsammlnng, deren Ergebnis so reichlich war, daß er 
zurückkehren und sorgenfrei leben konnte. Er ließ sich in Cannftatt bei Stuttgart nieder, 
und dort ist er am 18. März 1s76 gestorben. 
Rächst Rücken ist Freiligrath der größte Sprach; und Verslünstler, den wir 
jemals besessen haben; ja, er beherrseht den Reim nnd das Metrum so vollkommen, er 
behandelt beides so spielend, ja n1itunter so kunststückartig, daß man darüber zuweilen fast 
den Dichter zu vergessen und zu verkennen geneigt wird. Und doch war Freiligrath 
ein wahrer u nd echter Dichter. Ja den Gediihten, denen er seinen Ruhm verdankt, 
herrscht ja das RhetorischsDekla1natorifche nnd oft ein Haschen nach grellen griiszlichen 
Bildern nnd Scencn vor. Der ,,LöwenrittsI ist noch das n1as3volIste in dieser Bes 
ziehung. Geradezu abstos;end wirken aber Gedichte, wie die ,,Seidene SchnurU  
,,Scipiosi  vor allem auch ,,Anno Domiuiss und so manche andere, in denen sich 
dieselbe Neigung zu Sensatiouseffekten kundgibt, die späterhin seiner Revolutionspoesie 
den wirksamsten Stachel verlieh. Aber wer wollte leugnen, daß in diesen exotischen 
Stücken, mit denen er in die Fußstapfen seiner ausländischen Vorbilder: Bt1ron und 
Victor Hugo trat, eine gewaltige, wenn auch zuweilen verirrte, ja cnisbrauchte Dichters 
kraft sich ofsenbartP Fielen indes diese Gedichte, wie Frciligrath es voraussagt, 
,,siedend, zischend in die Phantasie,7t  so wirkten und wirken andere beruhigend 
und erauickend auf den Leser. Lieder, wie ,,die Auswanderer,U die Tanne,E 
die ,,VilderbibelH  vor allem die zwei Kleinode seiner Poesie; Ruhe in der 
Geliebten7t CSo laß mich sitzen ohne EndeJ und: Der Liebe Dauerll lO lieb 
so lang du lieben kannftJ zeugen für Freiligraths tiefes Gemiith und feine selbständige 
iureigene Dichterbegabuna. Hervorragendes leistete er auch in den Uebersefzungen fremder 
Diil1ter, Lan1artine, Walter Scott, Longfellow u. a., die durchaus wie Originale klingen 
und unübertrosfen geblieben find. Mit solchen begann seine Dichterlanfbahn, und sie 
hätte damit geschlossen, wenn nicht das Jahr 1870 ihn zu einigen Liedern Cdie Trompete 
von Vionvi1le, .Lwnrrah Gern1anial u. a.I angeregt hätte, die zu den besten unserer 
patriotischen Poesie gerechnet werden dürfen. 
Soweit die Hauptvertreter der Revolutionspoesie, die stets aller 
wahren Dichtung ebenso feindlich gewesen ist, wie aller tieferen Sittlichkeit und 
Gottcsfnrcht. Ein Mann von gewiß nicht engherzige1n Urteil, Georg Weber, 
sagt von den Dichtern dieser Richtung insge1nein: 
,,Jn ihren Schilderungen des Elends der Proletarier, in ihrer Jronie überidie 
Genüsse nnd Lebenöfrcuden der Reichen nnd Vornehmen, in ihren zornigen Klagen über 
die Berkehrtheit aller menschlichen Verhältnisse lag eine solche Fülle von Leidenschaft, 
von wilder zerstörender Kraft, von schonungslofem Hohn, daß sie die wichtigste Wirkung 
hervorbrachten und als die Verboten einer gewaltigen Umwälzung aller bestehenden
        

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