Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche Literaturgeschichte
Person:
König, Robert
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-505194
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-510805
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der 
Geschichte 
Dichtung. 
neuhochdeutschen 
Herman Grimm, Goethes neuester Biograph, hält es für möglich, das; der Dichter erst 
dann sieh einschloß, in Weimar zu bleiben, als die lehte Aussicht auf eine Versöhnung 
mit Lili entschwunden war. Sie heirathete im J. 1778 einen elsässischen Freiherrn von 
Türckheim, mit dem sie bis an ihren Tod c1817I in glüctlichster Ehe lebte. Das Bild 
des einst heiß Geliebten bewahrte sie troHdem in ihrer Seele, wenn sie auch gewiß niemals 
die ihr von der Freifrau v. BeaulieusMarconnay geb. Gräfin Egloffstein in 
den Mund gelegten Aeußerungen gethan hat. Dafür zeugt ihre unlängst von Graf 
Diirckheim, dem Gemahle ihrer Enkelin, u. d. T.: ,,Lilis BildU herausgegebene Biographic. 
Auch Goethe hat sie wirklich, wie er es als Greis Eckermann versicherte, ,,tief wie keine 
andere vorher und nachher geliebt.lI Von einer gleichzeitigen Liebe zur Gräfin 
Stolberg kann froh derartiger Betheuerungen in den Briefen an sie nicht die Rede sein. 
,,Augufte,U bemerkt Vilmar sehr fein, ,,vertritt nur Lili in der leidenschaftlich erregten 
Phantasie Goethes, ist so zu sagen die andere Seite von Lili, wie das ja in ähnlichen 
leidenschaftlichen Verhältnissen gar oft vorkommt.ll 
Goethes 
erste 
Js1hrzehende 
Weimar 
s179s1J. 
Die Seele des Kreises, in dem Goethe eine so begeisterte Aufnahme gefunden, war 
die verwitwete Herzogin Amalia, die Tochter Karls von Braunschweig und der Schwester 
Friedrichs des Großen. Jm achtzehnten Lebensjahre bereits Witwe geworden, hatte sie 
16 Jahre lang die Regentschaft geführt. Sie war es, die Wieland zum Erzieher ihres 
Erbprinzen berief. Seitdem sie Karl August die Regentschaft übergeben, lebte sie ganz der 
Literatur, der Musik, der Malerei  jetzt war sie sechsunddreißigjiihrig, aber noch 
von der ztoanglosesten Heiterkeit und von Lebensluft übersprudelnd. Ihr ähnlich war der 
achtzehnjährige Fürst Karl August, mit dem, wie Hettner es ausdrückt, ,,der Geist der 
deutschen Sturms und Drangperiode auf den Thron gestiegen warf, Ein tolles 
Treiben, obgleich nicht so schlimm, als es die gehiissige Ucbertreibung Verstin1mter dars 
zustellen liebte, begann mit Goethes Ankunft in der kleinen Residenz. Die ,,tolle Com, 
pagnie, wie sie sich auf so einem kleinen Fleck nicht wieder zusammensindet,U bestand 
aus lauter Jugend, die das Austoben allerdings zuweilen recht gründlich betrieb. Goethe 
selbst gestand später zu, daß er anfänglich weiter gegangen, als es recht war. Wenige 
Jahre nachher mochte er nicht in Jlmenau sein. ,,Die Geister der alten Zciten,H sagt 
er, ,,lassen mir hier keine frohe Stunde; ich mag keinen Berg besteigen, die unange: 
nehmen Erinnerungen haben alles befleckt, Uebrigens mäßigte er sich in seinem execns 
trischen Benehmen, sobald er in das amtliche Leben eintrat. 
Der Frankfurter Patriziersohn, in der ersten Zeit ganz als Gast behandelt, war 
dem Fürsten bald unentbehrlich geworden: jugendlichsfeurig schloß er mit Goethe einen 
Freundschaftsbund, dem selbst das brüderliche Du bei allem vertrauteren Bei; 
sammensein nicht fehlte. Jm April schenkte Karl August seinem Freunde sein höchst 
einfaches Gartenhäuschen vor der Stadt, in welchem er sechs Jahre lang Sommer nnd 
Winter höchst gemüthlich wohnte. Bald nach dem Einznge in dasselbe schreibt Goethe 
an Gustchen: ,,Den ganzen Nachmittag war die Herzogin:Mutter da und der Prinz 
nnd waren guten lieben Hun1ors, und ich habe dann so herumgehausvatert, wie alles 
 weg war, ein Stück kalten Braten gegessen, und mit meinem Diener Philipp von seiner 
und meiner Welt geschmäht, war ruhig und bin7s und hoffe gut zu schlafen zu holdem 
Erwachen.tt Ein paar Jahre danach überraschte Goethe den Herzog an dem Geburts: 
tage seiner Gemahlin mit dem noch erhaltenen ,,Borkenhäuschen,ll auch ,,Luisens 
klosterU genannt, in welchem Karl August seitdem am liebsten weilte, obgleich es nur 
einen einzigen Raum enthielt, der sein Wahns, Arbeitss, Empfangss und SchkC1fzimmer 
zugleich war.
        

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