Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Allgemeine Geschichte der Literatur
Person:
Scherr, Johannes
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-500055
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-502705
Deutschland. 
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eigenen Dichtungen zu suchen ist. Herder war unverhältnißmäßig weniger 
ein Dichter als Lessing. Seine lyrischen in 9 Bücher eingetheilten Gedichte 
bewegen sich vorwiegend in den Kreisen der Allegorie und Didaxis; einige 
seiner Lieder jedoch, besonders solche, welche die leisen und schwermüthigen 
Klagen der gedrückten Jugend des Dichters nachhallen, bergen hinter schlich: 
ten Worten ein warmes Gefühl. Am populärsten sind seine ,,LegendenU 
und ,,ParamythienU geworden, ohne daß sie höheren poetischen Ansprüchen 
genügten. Als ganz verfehlt müssen seine dramatischen Dichtungen C,,Ad: 
metusi HausU, ,,Ariadne:LiberaU, ,,Der entfesselte PrometheusU, ,,Aeon und 
Aeonis0, ,,PhiloktetU, ,,BrutustsJ bezeichnet werden. Es herrscht in den: 
selben, auch abgesehen von ihren dramatischen Mängeln, ein geradezu zu: 
rückschreckender allegorisch:didaktischer Frost. So gering aber Herders poe: 
Tische Zeugungskraft war, so groß und wohlthuend war seine dichterische 
Empfänglichkeit. Ueberall und in allem suchte er Poesie und wußte sie.zu 
finden. Er ist es, welcher der deutschen Literatur ihre weltliterarische Ten: 
denz gab und die unserer Klassik zu Grunde liegende kosmopolitische Idee 
mit den konkreten dichterischen Anschauungen aller Völker vermittelte und in 
Wechselwirkung brachte. Jn den Tagen seiner Kraft war sein Verständnis; 
der Poesie ein wahrhaft universellesIJ. Nachdem er in den ,,Kritischen 
Wäldernss Homer in das rechte Licht gestellt, wie vor ihm Keiner, eröffnete 
er in den gen1einschaftlich mit Göthe herausgegebenen ,,Blättern für deutsche 
Art und KunsttI C1773J seinen Zeitgenossen den Blick in die Welt Shak: 
fPeare7s und Ossians und wies so die nach Naturunmittelbarkeit und genialer 
Originalität Dürstenden an die rechte Quelle. Dann grub er in seinen 
..Stimmen der Völker in LiedernH C1778J die SchaHkammer der Volkspoesie 
aller europäischen Nationen auf, indem er die dichterischen Naturlaute der: 
selben mit unnachahmlich feinem Gefühl und Takt wiedergab, und ,leistete 
dadurch der echten Dichtung gegenüber der gelehrten und erkünstelten einen 
unermesslichen Dienst. Durch seine ,,Blumenlese aus morgenländischen Dich: 
tUngenU erweiterte er den poetischen Horizont und durch seine treffliche 
II ,,Herder saß nicht Iwie ein literarisdher Gros3inquisitor zu Gericht über die verschiedenen 
Nationen und verdammte oder absolvirte sie nach dem Grade ihres Glaubens. Nein, Herder 
betrachtete die ganze Menschheit als eine große Harfe in der Hand des großen Meisters, 
Jedes Volk dünkte ihm eine besonders gestimmte Saite dieser Riesenharfe und er begriff die 
Universalharmonie ihrer verschiedenen Klanges, Heim. Herder war übrigens trotz seiner 
kUfMvpolitischen Tendenz ein warmer Patriot. Viele seiner Gediehte beklagen Deutschlands 
pvIitisdhe Nullität nnd er hat manches strafende und zeitgemäße Wort an seine Landsleute 
sSkichtet. Z. B. ,,Unser Grundfehler ist die gleichgiltige Gutmttthigkeit, d. h. die duldsam 
Käse Eselei. Wir zeichnet1 an, womit sieh andere Nationen beschäftigen, raisonniren auch 
für und wider und damit genug.I  ,,Wir bleiben, die wir waren; wenn man uns ver: 
Itzt und auLlaeht, ja, wenn man uns verspottet und veraEhtet, danken wir unterthänig und 
U en mit.ts 
        

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