Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Allgemeine Geschichte der Literatur
Person:
Scherr, Johannes
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-500055
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-502185
Deutschland. 
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insofern gleich jenem einen Vermittler zwischen der gelehrten und der Volks: 
mäßigen Literatur ab. 
Der gelehrte Stand hatte eine korporative Gestaltung, die Wissenschaft 
eine größere Selbstständigkeit und Unabhängigkeit erhalten durch die Grün: 
dung der Universitäten, deren erste 1348 zu Prag, deren zweite 1365 zu 
Wien, deren dritte 1387 zu Heidelberg eröffnet worden und die sich bald 
über ganz Deutschland verbreiteten. Allerdings wurde der Geist freier For: 
schung auf diesen Anstalten zunächst noch durch den häufig abgeschmackten und 
t1bsurden Formelkram der scholastischen Philosophie zurückgedrängt und nie: 
dergehalten, allein täglich sich kräftigend durch den Gesundbrunnen der 
klasfischen Studien gewann er allmälig Boden, schritt von Eroberung zu 
Eroberung vor und half eine Zeit herbeiführen, wo, wie Hutten ausrief, 
,,die Geister erwachten und es eine Lust war zu lebenH. Jn der That regte 
und rührte es sich damals auf allen Gebieten reformatorisch und auch die 
deutsche Literatur mühte sich, an dem Verjijngungsprozesse theilzunehmen. 
Allein es fehlte ihr in gleichem Maße, wie der Reformation überhaupt, an 
einem die Umstände bewältigenden Genie, an einem wahrhaft schöpferischen 
Geiste. 
Einen solchen Geist, einen derartigen Genius oder Dämon besaß auch 
Luther keineswegs und zudem reichte seine Bildung über das Niveau der 
ordinären theologischen von damals nicht hinauf. Vom Humanismus wußte 
Und wollte er nichts. Theolog in jeder Fiber, hat er dem Teusels:, Hexen: 
Und sonstigen Afterglauben mit den Dümmsten seiner Zeit redlich gewett: 
eifert. Von politischer Kultur war auch nichts in ihm zu spüren. An Fürsten: 
fÜrchtigkeit ist er von keinem Deutschen übertroffen worden, was doch viel 
fegen will. Der große Gedanke einer kirchlichen nicht nur, sondern auch 
einer staatlichen Reform, einer wirklichen und wahrhaften Wiedergeburt der 
deutschen Nation, worauf der geniale Feuereiser eines Hatten abzsielte, fand in 
Luthers theologisch verengtem Schädel keinen Raum. Er ist mit seinem knecht: 
sEhaffenen Gepredige: ,,Daß 2 und 5igleich 7 sind, das kannst dusfassen mit 
der Vernunft: wenn aber die Obrigkeit sagt: 2 und 5 sind 8, so mußt du7s 
glauben wider dein Wissen und FühlenU  so recht der Erfinder der Lehre vom 
beschränkten Unterthanenverstand gewesen. Wie es der Mittelmäßigkeit Art 
und Brauch, so hat auch Luther alles, was über seine theologische Ver: 
bOhrtheit und Verbissenheit wegragte, als ,,SchwarmgeistereiU verworfen. Die 
Vernunft war ihm, um seinen eigenen grobianischen Ausdruck zu gebrauchen, 
nur ,,des Teufels HureU, der Bibelbuchstab war ihm alles. Das hölzerne 
Joch des römischen Papstthums hat er zerbrochen, ja; aber an dessen Stelle 
hat er das eiserne Joch eines Bibelbuchstabengötzendienstes gesetzt, welches 
nachmals die unzähligen Päpstlein der lutherischen Orthodoxie den Menschen 
schwer genug gemacht haben. Luthers eigentliche Großthat, eine That von
        

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