Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Allgemeine Geschichte der Literatur
Person:
Scherr, Johannes
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-500055
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-502143
Deutschland. 
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die glorreichen Siege der Dithmarsen im Norden, der Schweizer im Süden 
von Deutschland gegen Fürsten und Ritter geweckt hatten, erwachte auch der 
Drang poetischer Aeußerung wieder im Volke. Das historische Volks: 
lied verdrängte die zu Allegorik und Panegyrik vertrocknete Ritterdichtung. 
An der holsteinischen Grenzmark insbesondere und in den Alpen ertöntE 
solche Lieder freudig laut und zu den besten derselben gehören die, welche 
am Ende des 15. Jahrhunderts von Veit Weber gedichtet worden sind 
zur Verherrlichung der Schweizersiege über Karl von Burgund, namentlich 
des Sieges bei Murten. Gegen das Ende des 16. Jahrhunderts hin verlor 
sich dieser volksmäßig:historische Sang  Cdessen reichen TextschaH die schon 
in der Note am Eingange dieses Kapitels erwähnte Sammlung von Lilien: 
kron bewahrtJ  mehr und mehr und gehören die historischen Gedichte des 
17. Jahrhunderts der Region gelehrter Poeterei an. Aber nicht nur das 
geschichtliche Dasein, sondern auch das ganze Fiihlen und Denken, Thun und 
Treiben des Volkes prägte sich im 14., 15. und 16. Jahrhundert in Liedern 
aus. Der Bauer sang hinter7m Pfluge von den Leiden und Freuden seines 
geplagten Standes, der Müller begleitete das Geklapper seiner Mühle mit 
Reim und Klang, der Landsmann kürzte sich den Marsch durch kriegerische 
Preis: und Spottlieder, Bursch und Mädchen offenbarten einander in Liedern 
von oft wunderbarer Jnnigkeit das Geheimniß ihrer Herzen, Mönch und 
Nonne blieben nicht dahinten, der wandernde Handwerker bezeichnete sein 
Kommen und Gehen mit Willkomn1s: und Abschiedsliedern, der Pilger grüßte 
die Stätten seiner Andacht mit frommem Sang, der Traurige seufzte seinen 
Kummer, der Fröhliche jubelte seine Lust im Liede aus, der Jäger, der 
Fuhrmann, der Bettler, der Köhler, der Bergmann, der Schäfer, der Gärtner, 
der Winzer, sie alle ließen, was sie erlebt, was sie bewegte, was sie litten 
Und thaten, in Liedern widerklingen, von denen man, da ihre Verfasser 
unbekannt sind, wie vom Winde sagen kann, man spürt wohl ihren Hauch, 
aber man weiß nicht, von wannen sie kommen und wohin sie gehen 1J. Die 
Ei Der Hauptcharakterzug der deutschen Volksliederdichtung swie der deutschen Poesie 
tiberhauptJ ist ihre Universalittit. Wenn wir die unendliche Fülle von historisihen, 
tvmantisch:epischen und lyrischen Gesängen betrachten, die einst volksthümlich in Deutschland 
8ewesen  Lvgl. die in der Note am Eingange dieses Kapitel; angeführten SammlungenJ  
TO muß uns die Mannigfaltigkeit der Gegenstände, Formen und Darstellungen tiberraschen, 
Wie wir sie ähnlich bei keiner andern Nation finden. Die deutsche Volkspoesie hat nirgends 
eine Spur von der tragischen Größe der alten skandinavisehen, noch kommt sie in einer ihrer 
VClIaden der ungeheuren koncentrirten Kraft und schauerlich düsteren Wildheit einiger 
fCbwedischen und dänischen Volkslieder bei. Sie ist wesentlich heiter, versiihnend, milde und 
IN selbst in ihren ältesten Ritterballaden wenig von der kühnen Romantik und tiefsiißen 
Melancholie der Sihotten und Nordengländer. Die lyrische Würde der Spanier ist ihr 
fremd, noch fremder die episch:plastische Vollendung der Serben. Allein sie hat die Einfach: 
heit und die Kraft, die ein gedrungener epischer Stil gibt, mit aller Volkspoesie, die dra:
        

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