Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Allgemeine Geschichte der Literatur
Person:
Scherr, Johannes
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-494321
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-495755
Judäa. 
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in den Text eingewebt find, sondern in der ganzen Anlage und Durchführung 
dieser erzählenden und gesetzgebenden Bücher. Allerdings kann von den fo- 
genannten fünf Büchern Mosis (Pentateuch), welche bekanntlich in ihrer 
jetzigen Gestalt keineswegs von Mose herrühren, sondern zur Zeit des Exils 
(604-535 v. Ehr) verfaßt oder wenigstens ijberarbeitet und redigirt wurden, 
durchaus nicht als von einem Epos im kiinstlerifchen Sinne die Rede sein, 
Wohl aber als von einer in patriotischer und moralischer Absicht unter- 
nommenen Zusammenstellung und Bearbeitung der nationalen Traditionen 
zu einem Kanon der hebräifchen Religion, Sitte -und Nationalität, wobei es 
Nicht fehlen konnte, daß die naive Urfprünglichkeit dieser Stammfagen auch 
der späteren Bearbeitung derselben einen poetifchen Stämpel aufdrückte. 
Freilich gehört ein nicht geringer Grad von theologifcher Verbohrtheit dazu, 
in diesen von zotigen, rohen, ja kanibalischen Zügen wimmelnden Erzählungen 
Tuch jetzt noch durchweg ,,heilige" Schriften zu erblicken; allein abgesehen 
von der angeblichen Heiligkeit, wird niemand sich des Eindruckes dieser 
Mythen- und Sagengeschichten erwehren können und das, was den Kern 
derselben bildet, das mosaische Gesetz, muß und wird zu allen Zeiten als 
Ein SchaZ von Weisheit hochgehalten werden, aus welchem sich die Prinzipien 
aller socialen und sittlichen Ordnung schöpfen lassen. Mose war keineswegs 
Ein herzlofer Hierarch, sondern ein Weiser, der für die irdische Wohlfahrt 
und Freiheit feines Volkes litt, kämpfte und dachte. Weit entfernt, feine 
Brüder auf den Himmel zu verweisen, that er vielmehr alles ihm Mögliche, 
Um ihnen den Aufenthalt auf der Erde angenehm und lieblich zu machen. 
Was über Inhalt und Entstehungsart des Pentateuch gesagt worden, läßt 
sich mit unbedeutenden Aenderungen auch auf die Bücher Josua, der 
Richter, Samuels, der Könige, der Chronik, Efra (I. B.) fund 
Nehemia anwenden, in denen abwechselnd das mythische, historische, litur- 
9ifkhe und fittenfchildernde Element mehr oder weniger zu Tage tritt. 
Grundton der hebräifchen Poesie ist, wie schon gesagt, der Glaube 
M Jehova, das Jahvethnm. Aber dieser Grundton war, wie ebenfalls 
schon bemerkt wurde, nicht allezeit obherrfchend. Denn heutzutage weiß 
IEdermann, daß es ein grober Jrrthnm, zu meinen, die Dichtung der Hebräer 
le! durchaus nur eine religiöse und als solche zu nehmen oder wenigstens 
zu deuten. Im Gegentheil, dann und wann ist sie sehr weltlicher Art. I) 
Ihrem Wesen wie ihrer Form nach ist sie vorwiegend Lyrik und Didaktik. 
Allerdings waren Anfänge der Epik und Dramatik vorhanden  jene in 
Heu alten Heldenlied"ern, von denen uns in dem der Deborah eine Probe 
Ub1'kg geblieben ist, und in den Heldensagen von1 Simfon; diese in den 
I) Findet sich doch sogar unter den Psalmen ein ganz profancs Hokhzeitlied (Ps. 45) 
Und unter den Orakeln eines Propheten ein recht gemeiner Gassenhauer (Jesaia 23, 16). 
Seher-r, Aug. Gesch. d. Literatur. 8. Aufl. Z
        

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