Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Allgemeine Geschichte der Literatur
Person:
Scherr, Johannes
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-494321
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-498384
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Buch -II. Kap. 3. 
der in einem englisch geschriebenen Buche die Schmerzen, Befürchtungen und 
Hoffnungen der italischen Patrioten dargelegt hat (Mariotti: ,,Jtalien 
in seiner politischen und literarischen Entwickelung", S. 138). ,,Schon in 
den ersten Stunden seiner Verbannung wünschte Dante seiner edlen Ent- 
rüstung durch seine Schriften Luft zu machen, die lehte Waffe, durch die 
er seinen übermüthigen Gegnern noch gefährlich werden konnte. Er dachte 
an ein Werk, in welchem die Namen aller seiner Feinde aufgezeichnet sein 
sollten, in welchem sie mit ewiger Schmach fiir alles, was er zu tragen 
hatte, büßen sollten. Er bedurfte eines Stoffes, der so gränzenlos war 
wie sein Groll; er brauchte eine unfichtbare Welt, in der diejenige, in 
welcher er lebte, nach seinem Hassen und seinem Lieben gerichtet und ver- 
urtheilt werden sollte 1). Unter den vor seiner Verbannung in Betracht 
gezogenen Plänen war eine Jdee, welche wunderbar für sein Vorhaben 
passte. Woher dieser ursprüngliche Plan stammte, darüber zu grübeln wäre 
jetzt eben so schwer als nuhlos. Die formlosen Versuche einiger Legenden 
und Fabliaux der französischen Minstrels (vgl. was oben im 2. Kapitel, 
Nr. 2 über Houdans Gedicht pl-a Voy ou la songe d-Enfere gesagt 
ist), selbst wenn sie als Muster angeführt werden können, die zuerst die 
Jdee einer Reise nach dem Reiche der Ewigkeit eingaben, vermögen den 
Ansprüchen Dante"s auf Originalerfindung keinen Abbruch zu thun. Höchst 
wahrscheinlich war aber schon seine Vertrautheit mit den Werken Vergils- 
seines Lieblingsdichters, für Dante hinreichend, um den Ausgangspunkt zu 
finden, von dem er sich zu so erhabener Höhe emporschwang; auch wurde 
vielleicht nicht ohne guten Grund der lateinische Dichter als Führer und 
Lehrer auf dem größten Theile der ereignißreichen Pilgerfahrt gewählt. Es 
ist keineswegs unwahrscheinlich, daß das Hinabsteigen des Aeneas hin die 
Unterwelt im sechsten Buche der Aeneis, sein Zusammentreffen mit Freunden 
und Feinden, die Weissagungen über die Zukunft, die ihm der Geist seines 
Vaters mittheilt, und die tausend schauerlichen Bilder, durch welche der 
römische Dichter die einfache Schöpfung Homers bereicherte, den plöHlichet1 
Gedanken weckten, daß auch er,. wie Aeneas, die Schranken des Lebens durch- 
 brechend, die Geheimnisse des Todtenreiches entdecken und sie dem Auge der 
Menschheit enthüllen könnte. Die Begriffe der Menschheit von dem jen- 
seitigen Leben waren zu jener Zeit unzertrennlich mit schauerlichen Phan- 
tomen und abergläubischen Schrecken verbunden. Es war daher eine un- 
1) ,,Ken1-ist du die Hölle des Dante nicht? 
Die schrecklichen Terzetten? 
Wen da der Dichter hineingesperrt, 
Den kann kein Gott erretten. 
Kein Gott, kein Heiland reitet ihn 
Aus diesen singenden Flammen." 
Heim.
        

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