Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Allgemeine Geschichte der Literatur
Person:
Scherr, Johannes
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-494321
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-497698
Frankreich. 
259. 
Man hat das Verhältnis; Voltaire's und Rousfeau"s zu ihrem Jahr- 
hundert ganz gut dadurch bezeichnet, daß man jenen den Kopf, diesen das 
Herz des Genius ihrer Zeit nennen. Voltaire"s Vegeistcrung kam aus 
dem Kopfe und hielt sich daher stets auf der Fläche des WiHes, Rousseau"s 
Enthusiasmus dagegen loderte aus einem der heißesten Herzen empor, welche 
jemals im Dienste der Menschheit geschlagen; Voltaire"s Waffe war der 
Spott, Rousseau7s Waffe war das Gefühl. Man könnte Voltaire auch die 
negative, Rousseau die afsirmative Kraft ihrer Zeit nennen. Der erstere 
zerstörte, um zu zerstören und dann auf den Ruinen der Götzen und der 
Tempel der Unvernunft sein triumphirendes Hohngelächter aufzuschlagen, in 
welchem er die höchste Befriedigung fand; Rousseau aber wollte den poli- 
,tischen, socialeu und moralischen Unrath hinweggeschafft wissen, um für das 
Gebäude einer ,,vernünftigen" Gesellschaftseinrichtung Raum zu gewinnen, 
woran Voltaire nie gedacht hat. Der Gegensatz, zwischen den beiden 
Männern, deren Wirksamkeit sich dennoch gegenseitig mächtig unter-ftützte, 
zUg sich auch durch ihr äußeres Leben hin. Voltaire lebt mit großen 
Herren als großer Herr, versäumt aber dabei nicht, die Leiden der Armen 
Und Unterdrückten thatsächlich zu lindern, wo er kann; Rousseau dagegen 
Verschmäht in demokrat1"schem Stolz den Glanz und das Wohlbehagen einer 
weltmännischen Lebensführung, wie sie damalsLeuten von Geist so leicht 
sich erschloß, lebt und stirbt arm, preist gegenüber der Frivolität und Ge- 
I1Ußsurht seiner Zeit die spartauische Einfachheit und Tugend und vergißt, 
Während er Hunderttausende von Herzen für das Jdeal einer besseren Ge- 
fEIIschaftsverfassung im Allgemeinen und für das einer vernünftigeren Er- 
zkehungsweisc im Befonderen gewinnt, seiner zunächstliegeuden Pflichten der- 
gestalt, daß er seine eigenen Kinder ins Findelhaus schickt. Voltaire ist 
Realist, d. h. er nimmt Welt und Menschen, wie sie sind; Rousseau ist 
Jdealist, d. h. er nimmt Welt und Menschen, wie sie sein sollten: daher 
findet sich jener mit der Gesellschaft ab, indem er sich mit den Gescheiden 
verträgt und den Dun1men den Fußtritt seines Spottes gibt, dieser hingegen 
Wird bei aller Liebefülle, welche sein Gemüth hegt, sich selbst und andern 
zur Qual und endet in Einsamkeit, Mißtrauen und Menschenhaß.1) Ein 
Desnoiresterres zur Grundlage hat, sowie Mahrenholtz: ,,Voltaire-Studien," 1882, und 
Mc1hrenholtz: ,,Voltaire"Z Leben und Werkes' 1885 fg. 
 Ungemein rührend spricht Rousseau das Gefühl seiner Stellung zur Gesellschaft in 
VII! ersten Zeilen seiner -)RSve1-les du Pk0meneur soljtai1-es aus: -MS voici dont: seul 
sur la te!-re, n"ayant plus de it-(ä1-es, de prochain, (l"ami, de sociätö qui- mai miZme. 
I-S plus sociable et le plus aicnant des humains en a ists proscrit par un accot-d 
11naniIne. lls 0nt chekcl1eS, d-ins les rai"linements de laut- l1aine, quel toukment 
I)0uvoit  le plus ckuel Si man Time sensible, et ils out h:-ists violemment tous les 
IlS11s qui m"attachoient sc eux. -l'au1-ais aimö les l10mmes en (l6pit (l"eux meines:
        

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