Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Allgemeine Geschichte der Literatur
Person:
Scherr, Johannes
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-494321
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-497590
Frankreich. 
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plaHgemacht; unter Regierung verstand man nur noch die Kunst, dem 
Hofe, der Aristo"kratie und Pfaffheit die Geldmittcl zu ihren Schwelgereien 
zu verschaffen; vor dem Auslande durch die Resultate des siebenjährigen 
Krieges mit Schande bedeckt und im Innern dem Bankerott entgegengehend, 
suchte Frankreich die offenkundige politische und moralische Auslösung, der 
es anheimgefallen, im Rausche des raffi1iirtesten Sinnengenusses zu vergessen, 
ohne dadurch dem immer gewaltsamer sich aufdrängenden Gefühle der Noth- 
wendigkeit einer allgemeinen Umwälzung entfliehen zu können. Statt dieses 
Gefühl sich klar zu machen, statt dieser Nothwendigkeit auf gesetg,mäßigem 
Wege zu ihrem Rechte zu verhelfen, trieb die französische Gesellschaft mit 
den dräuenden Problemen der Zeit ein geistreiches, witziges Spiel. Die 
Privilegirten tanzten auf einem Vulkan und tändelten mit dem Feuer, 
welches sie sobald verzehren sollte. Jn den Salons der Aristokratie wurde 
die Jdee der Revolution, welche nachmals als brüllender Löwe Europa 
durchjagte, anfänglich als gehätfcheltes Schoßhiindchen mit Witz aufgefüttert. 
Vereinzelte ernste Stimmen wurden überhört oder als Curiofa belacht. Wer 
 wirken und Ansehen erlangen wollte, mußte in den herrschenden Ton ein- 
gehen und nur ein alles bewältigendes Genie, wie das eines Roussea11 war, 
konnte sich auch der Mode und der Gesellschaft zum Trotz Geltung ver- 
schaffen. Ein Deutscher von Geburt, aber vollständig französirt, Friedrich 
Melchior Grimm (1723--1807), hat als vieljähriger Augen- und Ohren- 
zeuge den Verlauf der großen literarischen Revolution, welche in Frankreich 
der politischen voraufging und dieser die Wege wies und bahnte, beobachtet 
und in seiner auf Veranlassung der Herzogin Luise Dorothea von Sachsen- 
Gotha-Altenbnrg in Paris französisch verfaßten, i. J. 1812 zum erstenmal, 
seither wiederholt und zwar in 16 Blinden gedruckten, als ein hochwichtiges 
literatur- und kulturgeschichtliches Quellenwerk zu schät;,enden ))corresp0n- 
dance 1itt(ärai1-es( geschildert. Es ist ein furchtbares Schauspiel, dieser 
bakchantische Reigen von Negation, WiH und Hohn, welchen die französische 
Gesellschaft des 18. Jahrhunderts aufführte, den auch die Vorgeiger mit- 
tanzen mußten und der mit dem gellenden diderot7schen Refrain endigte: 
-Ei des b0yaux du (iernier pl-C-tre sen-ez le cou du dernie1- roi!e 
Die Jahrhunderte lang gefesselt gewesene Vernunft gesellte ihrem Befreiungs- 
jubel eine dämonische Rachelust, erfüllte Himmel und Erde, Kirche und 
Staat mit gellendem Gelächter und goß den abscheulichen Brodem, den ihre 
Ausmisiung des Augiasstalls des Ancien R(ägime aufrührte, in Strömen 
über Europa aus. So nun, rücksichtslos in ihrem Hohn, boshast und 
schadenfcoh in ihrer Rache, aber Unerschrocken und unermüdlich in ihrem 
Kampfe gegen Tyrannei, Dunnnheit und Vornrtheil, stellt sie sich dar in 
Voltaire, der die negative Seite ihrer Thätigkeit vertritt, während wir sie in 
Rousseau einen mehr positiven Anlauf nehmen sehen werden.
        

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