Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Allgemeine Geschichte der Literatur
Person:
Scherr, Johannes
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-494321
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-497296
Frankreich. 
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schmerzen fürchtete."  vor Zahnschmerzen? Das mußte damals 
wohl deine geringste Besorgniß sein."" ,,O freilich, ich rede aber nicht 
von meinen eigenen Zähnen, sondern von den Zähnen der Hunde und der 
Türken, die mich fressen wollten. Wisst ihr nicht, daß uns die Zähne nie- 
mals weher thun, als wenn die Hunde uns in die Lenden beißen?" Jn 
Verlaufe der Abenteuer Pantagruels und Panurgs birgt, sich in dem Gewande 
der wahnwit5igsten Possen oft die sinnigste Weisheit und immer die schnei- 
dendste Satire. Nachdem gleich anfangs das elende Gelehrtenwesen, wie 
es damals slorirte, grässlich durchgehechelt worden, gießt Rabelais den 
Höllenstein seines Hohnes in Strömen auf die eckclhaften Geschwiire der 
Kirche, des Papstthums,1) der Politik und Finanzwirthschaft, um hierauf 
I) Mit welcher beispiellosen Kühnheit Rabelais Hierarchie und Papstthun1 verhöhnte, 
mag insbesondere folgende Stelle beweisen: 
  ,,Nach tiberstandenem Fasten gab uns der Kläusner einen Brief an einen, 
den er Albian Humor hieß, Aedituum und Sakristan des Laut-Eilands! wiewohl Panurg 
nannt ihn zum Gruß Herrn Eseldumm. Es war ein altes, gutes, kleines, glatzköpfiges 
Männel mit leuchtender Schnut und kupfernem Kurfunkel-Antlitz. Er lief; uns auf das 
Kläusners Fürsprach sehr freundlich an, als er sah, daß wir die Fasten abgemattet, wie 
vorgedacht: erzählt7 uns nach genossenem Jmbiß von des Eilands Raritäten, versichernd, 
daß es anfangs von den Siticinen bewohnt gewesen, die jedoch nach dem Naturlauf (wie 
denn alles veränderlich) zu Vögeln worden.  Die Vögel, groß, schön, höflich, glatt, 
manierlich, zierlich, sah"n fast aus wie unsre Leut zu Haus: sie aßen und tranken wie 
Menschen, däu"ten,      schliefen,    wie Menschen; und doch war 
kein Gedank daran, meint" der Aedituus, schwur aber, daß sie nichts weniger als profan 
noch weltlich wären. Auch ihr Gefieder gab uns auch gar stark zu rathen auf; denn etliche 
waren schloorweiß, andere rabenschwarz, noch andre aschgrau, wieder andre halb weiß, halb 
schwarz; andere hochroth, andere blau und weiß gestreift; es war eine Lust sie anzusak)aun. 
Die Männlein nannt er Pfäffling, Münchling, Priesterling, Aebtling, Bischling, Kardin- 
ling und den Papling, welcher einzig in seiner Art ist. Die Weiblein nannt er Pfäffinen, 
Mttnchinen, Priestinen, Aebtinen, Bischinen, Kardinen, Papinen. Gleichwohl, belehrt, er 
uns, wie unter die Bienen die Horlsken stoßen, die nur alles verderben und fressen, so 
führ auch nun seit dreihundert Jahren unter dies muntre Vögel-Völklein, man wüßt nicht 
wie es zuging, immer aller fünf Monat ein ganzer Schwarm -von Tukkmäuserling, die 
all dies Eiland rundum verfaut und verschändet hatten, ein so unförmlich, scheußlich Volk, 
daß alles vor ihnen lief; denn am! sie hätten eitel krumme Hals, Harphenbäuch, rauhe 
Esaus-Tatzen und Krallen und StynIphaliden-Aersz; und wär nicht möglidh sie auszurotten; 
für einen, den man todtschlüg, kämen gleich sitnfundzwanzig andre nach. Drauf frugen 
wir, was diese Vögel so unablässig zu singen trieb? Und der Aedituus antwort uns, es 
wären die Glocken, die auf ihren Bauern hingen. Dann frug er uns: soll ich die Münch- 
ling, die ihr hie in ihre Hippokras-Filtrirsäck wie Haubenlerchen vermummelt seht, gleich 
singen lassen?  O thut es doeh! verfehlen wir. Da zog er bloß die Glock sechsmal 
und Münchling sprangen und Münchling sangen, daß es eine Art war.  Und sangen 
auch wohl, sprach Panurg, die dort mit den rauchhiiringsfarbenen Federn, wenn ich hier 
diese Glocl zög?  Nicht minder, antwort der Aedituus.  Da "zog Panurg und plötzlich 
rannten auch diese verschmauchten Vöglein her and trälIerten unisono; aber ihre Stimmen 
waren sehr rauh und garstig. Doch dafür, belehrt! uns der Aedituus, lebten sie aueh von
        

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