Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Allgemeine Geschichte der Literatur
Person:
Scherr, Johannes
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-494321
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-495217
Einleitung. 
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Weisheit in die klaren Vorschriften praktischer Lebensphilosophie, in der per- 
sischen Lyrik vertieft sich der menschliche Gedanke in die Jrrgänge mystischer 
Spekulation oder aber beginnt er einen lachenden Kampf gegen die theo- 
logische Abstraktion. Von der türkischen Literatur ist nur zu sagen, daß 
sie die Töne der arabischen nnd persischen mit ganz unselbständigem Ellekti- 
cismns echot. An die Stelle der ungezügelten Phantasie, des Grundtypus 
der orientalischen Literatur im Ganzen und Großen, setzt Hellas die 
Schönheit, deren Gesetz und Maß seine literarische und künstlerische Thätig- 
keit durchweg bestimmt. Edler und würdevoller Humanismus ist der Cha- 
rakter des hellenischen Jdeals, welcher sich in bewußter Freiheit in allen 
Gattungen der Poesie offenbart. Vom kindlich-naiven Epos geht Griechen- 
land zu jiinglingsfrischer Lyrik und zum schön ansgereiften Drama vor, in 
welchem gleichsam die vereinten Kräfte des Mannesalter sich kundgeben, 
während es auch seine Philosphie, seine Redeknnst und Historik, wie seine 
Religion, wie sein ganzes Leben, künstlerisch hellt und rundet. Der Cha- 
rakter der römischen Literatur ist Nachahmung, denn die Begabung und 
Bestimmung der Römer lag nach einer andern Seite hin: sie bethätigte 
und erfüllte sich in der Staats-, Kriegs- und Rechtsknnst, nicht zu vergessen 
die Unrechtskunst. Auf dem Schutt der antiken Welt, welche in ihrer 
Altersschwäche durch das Christenthum geistig überwunden und durch die 
Völkerwanderung materiell in Trümmer geschlagen worden war, erhob sich 
sodann als Basis der modernen Literatur im weitesten Sinne das christ- 
liche Dogma und die christliche Mythologie. Ihre Tochter, die Romantik, 
wurde die Muse der Dichtung des Mittelalters und schlug zuerst in Frank- 
reich ihren Wohnsit; auf. Von hier aus beherrschten ihre Anregungen und 
Eingebungen der Literatur sämmtlicher west- und siid-enropäischer Nationen. 
Am wenigsten unbedingt war ihr die italische Literatur unterworfen, weil- 
in Jtalien der romantische Geist von vornherein in der angebahnten Be- 
kanntschaft mit dem antiken ein Gegengewicht fand, was aber für die Ent- 
wickelung der italischen Poesie eben-kein Glück war, indem die klassische 
Reminiseenz dieselbe schon in ihren Anfängen zu einer unvolksthü1nlich-ge- 
lehrten machte. Am reinsten, reichsten und volksmäßigsten erbliihte die( 
romantische Dichtung aus der pyrenäischen Halbinsel. Die s panis che- 
Literatur, von der volksthümlichen Romanzen-Epik zur kunstmäs3igen Lyrik 
und von dieser zum auf religiöser Grundlage ruhenden Drama vorschreitend, 
darf sich rühmen, die nationalste der modernen Literaturen zu sein. Mit 
der spanischen wetteifert an organischer Gliederung die englische, welche 
ebenfalls auf dem Fundament der Volkspoesie den Triumph der Kunstdichtung, 
ein reiches nnd nationales Drama, aufgebaut hat. Die mittelalterlich- 
romantische Dichtung Deutschlands zeichnet sich vor der anderer Völker 
durch einen Zug seelenvoller Jnnigkeit aus nnd diesen Zug wußte sie nich
        

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