Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Allgemeine Geschichte der Literatur
Person:
Scherr, Johannes
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-494321
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-497167
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Buch II. Kap. Z. 
Hauptthätigkeit der TrouvZeres war, obwohl sie auch die Lyrik pflegten und 
besonders die echtfranzösische Gattung des heiteren, zwischen Pathos und 
Witz- wechselnden Liedes (ehanson) begründeten, eine epische; denn ihr 
Hörerkreis verlangte vermöge seiner Abstammung, seines Klima7s und seiner 
Sitten eine nahrhaftere, massigere Kost, als dem lyrisrhen Flattergeist der 
Provenzalen genügte. Sie griffen daher in die ungeheure Masse von 
Sagenstoffen hinein, welche sich in dem gährenden Chaos des 1. Jahr- 
tausends der christlichen Zeitrechnung angesammelt hatte, und gestalteten 
daraus das romantische Epos. Anfangs war die Form desselben eine streng 
poetische (-chans0ns de  wurde dann laxer und laxer, verbequem- 
lichte sich aus dem Roman in Reimen zum Roman in Prosa und schrumpfte 
zuleht nach Verkürzungen, Ver-renkungen und Vermischungen aller Art zum 
Volksbuch zusammen, wie es wohl noch jetzt, auf aschgraues Papier mit 
schrecklichen Holzschnitten ,,gedruckt in diesem Jahr", auf unseren Jahr- 
n1ärkten feilgeboten wird. 
Die Anzahl der epischen Denkmale der altsranzösischen Literatur ist 
außerordentlich groß und, obgleich noch vieles ungedruckt in Archiven und 
Bibliotheken schlummert, schon jeHt schwer zu übersehen. T) Man hat 
daher die Erzeugnisse dieser Epik folgendermaßen zu sichten, und zu sondern 
versucht: 
l) Kirchliche Dichtungen. Die Quellen derselben sind das alte und 
neue Testament, die Martyrologieen (acta rnarty1-um) und Heiligenge- 
schichten (acta Sancta:-um). Das sprachliche Interesse iiberwiegt bei dieser 
Legendenpoesie das ästhetische weit. Wir führen nur einige dieser frommen 
Geschichten an: a) Voyage de St. B:-andan au paradis terrestre, eine 
Art mönchischer Odyssee, von einem unbekannten Dichter um das Jahr 1121 
verfaßt; b) eine Paraphrase der Bibel von B6rengiers oder B(5ranger; 
c) vie de ste. Elisabeth von Rutebeuf und ähnliches mehr. 
2) Die nationalc Heldendichtung. 1) Der fränkisch-karlingische 
Sagenkreis. a) Als Grundstock der Dichtungen aus diesem Kreise wird 
gewöhnlich die Chronik des Turpin angegeben; es ist diese Chronik je- 
doch mehr eine auf epische Ueberlieferung begründete Biographie Karls des 
Großen als ein episches Gedicht. Der Verfasser ist unbekannt, als Zeit der 
Abfassung wird das 11. Jahrhundert angegeben. L)  b) Das Gedicht von 
I) Eine umfassende Sammlung hat Guessard herauszugeben begonnen:  -Les 
a11cjens podtes de Ia Is"r-n1ce,e I858 seq. Schon 1864 waren 8 Bände erschienen. 
 Ueber den karlingischen Sagenkrei3 hat Gaston Paris ein zusammensassendeB, sehr 
tükhtiges sagen- und literargeschidhtlicheY Werk geliefert:  -Histoire poätique de Ghar1e- 
magne-, 1865. Damit ist zusammcnzuhalien desselben Gelehrten gleichzeitig ex-schienene 
Abhandlung :De Pseudo-Turpino.- Vgl. auch Uhland: Sagengeschichie der germa- 
nischen und romanischcn Völker (Schriften, V1I.), 1868.
        

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