Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aus den letzten fünf Jahren
Person:
Grimm, Herman
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-475486
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-479534
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Natur mehr das Decorative im Ganzen bewundern, ohne den seine: 
ren Unterschieden der Erscheinungen gerecht zu werden. Diese Aus 
schauung tritt schon bei Dante, Raphael nnd Michelangelo als Re: 
präsentanten des mittleren Italiens hervor. Das Detail entging 
ihnen nicht, bei der Darstellung der Dinge aber ordnen sie es dem 
Allgemeinen unter. Nirgends haben Raphael oder Michelangelo 
Blumen angebracht, die etwas von botanischer Vorliebe bezeugten, 
nirgends bei Gewändern den Stoff, aus dem sie bestehen, oder bei 
Händen und Füßen ihrer Figuren individnelle Eigeuthiimlichkeiten 
hervortreten lassen. Nirgends auch hat Dante etwas von dieser 
Kleinbeobachtung, so scharf realistisch seine Beobachtungen sowohl 
als auch die Worte sind, in denen er sie niederlegt. Dagegen 
Lionardo, dem Mailand die letzte Entwicklung gewährte, hat diesen 
Zug nach naturwissenschaftlicher Treue, dem er sich, in seinen Zeich: 
nungen zumal, in iiberraschender Weise zuweilen hingibt. Sollte 
zu Lionardos Zeiten sihon diese Art, die Dinge zu betrachten nnd 
darzustellen, den Bewohnern der Poebene im Blute gelegen habenP 
 die 1niniaturhaftc Wiederholung dessen, was die feinsten Adern 
des natürlichen Wachsthums dem liebevollen Blicke gewährenP Wer: 
den zukünftige Physiologen in dem,Auge der Nationen und sogar 
der einzelnen Provinzialen eines Landes Unterschiede des Baues 
und der Nerventhiitigleit nachweisen, die diese Verschiedenheit als 
nothwendige m1d konstante Faktoren erklärenP Sicherlich fungiren 
die Sehorgane eines Deutschen anders als die eines Jtaliäners. 
Farben und Linien stellen sich den Blicken je nachdem schwächer 
oder stärker dar und die Unterschiede der Werke der bildenden 
Künste find hieraus zu erklären. Und die Verschiedenheit der Sehn: 
len innerhalb Italiens cmd Deutschlands geht auch auf solche 
Differenzen zuriick. Ein venetianisehes Auge sah anders als ein 
florentinifches, und Rubens anders als Dürer. An die zarte Aus: 
fiihrung der Dürerschen Kupferftiche erinnert Salvatore Farina7s 
Manier zuweilen. Dürer7s ,,Hieronhmus im GehäußH wäre ein 
Werk, das seinem Sinne entspräche: sonntägliche Ruhe mit 
Sonnenschein im Zimmer. Stille eines Winterabends oder einer 
Friihlingsnacht weiß er wunderbar zu schildern, wo man eine Nach:
        

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