Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aus den letzten fünf Jahren
Person:
Grimm, Herman
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-475486
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-479071
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völlig von der Seite sichtbar. Sechs zu beiden Seiten Christi, 
und diese hier und dort wiederum in je zwei Gruppen von drei 
Aposteln getheilt. Jede dieser vier Gruppen in sich eine abgeschlossene 
Einheit bildend, alle aber auch wieder mit Christus, als ihrer 
Mitte, direct verbunden. Schon diese Theilung und zugleich Ver: 
einigung der Gestalten fordert zur Bewunderung heraus. Denn 
wie die Gruppen verschieden behandelt und zu einander in Gegen: 
satz gebracht und doch wieder alle vier zu einem Ganzen zusammen: 
gefügt sind nnd keine Figur ohne Rücksicht auf sämmtliche andere 
gedacht worden ist: dies zu verfolgen, lockt zu immer neuer Be: 
trachtung. Man bedenke nun, daß diese Zwölf, mit Christus, 
mehr als zwei Dutzend Hände sichtbar werden lassen, an denen 
jeder Finger sozusagen seine eigene Sprache redetl Man vergleiche, 
was die Kunst an sprechenden Händen übrigens hervorgebracht hat, 
mit denen hier: gleiO energische Bewegungen hat Michelangelo 
wohl gezeichnet, gleich schöne Raphael, wie ich denn keinen von den 
Dreien hier dem anderen nachsehen möchte, einen größeren Reich: 
thum aber an gleichem Ort und Stelle hat keiner,dargeboten. Und 
dieser Fülle und Mannigkeit das Uebrige entsprechend. Jede Figur, 
solange man sie betrachtet, erscheint als die Hauptsigur. Jede glauben 
wir zu durchschauen. Nichts in diesem Werke, bei dem man sich sagen 
müßte, es gehöre einem anderen Jahrhundert an und bleibe ein aus 
diesem sta1nmender, mehr zu betrachtender als zu berstehender fremder 
Rest, sondern das Ganze frisch gewachsen, als ob es eben entstanden sei. 
Und doch, wie wir heute urtheilen dürfen: all diese Con1po: 
sition nur langsam gewachsenes.Mensehenwerk. Es ist eine der er: 
hebendsten Arbeiten, verfolgen zu dürfen, wie auch die größten schuf: 
fenden Geister nur mühsam fortschreiteud ans Ziel gelangen. Ueber: 
all, wo wir bei Raphael, den ich hier als den Vornehmsten nenne, 
weil am meisten Material bei ihm für die Untersuchungen vorliegt, 
die Entstehung der Werke betrachten, gewahren wir, daß der Ge: 
danke sich langsam entwickelt, und wie das, was das eigentliche 
Lebenscentrum des Werkes ausmacht, zuletzt oder zu allerletzt erst 
hineinflog. Man sollte das Umgekehrte vermuthen, nirgends aber, 
wo ein Weg sich überhaupt erkennen ließ, war er anders. Jmmer
        

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