Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aus den letzten fünf Jahren
Person:
Grimm, Herman
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-475486
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-479052
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wird. Liouardo war der Anlage nach vielleicht der am reichsten 
Begabte von ihnen, den Schicksalen nach aber, die ihm selber wie 
seinen Werken beschieden waren, der am wenigsten Gliiekliche. Wie 
fast alle seine Werke, ist auch sein Abendmahl vom Tage der Ents 
stehuug an raschem Untergange geweiht gewesen. Ich sage vom 
Tage der Entstehung an, weil Lionardo7s Eigensiun, mit Oelfarben 
auf eine ihrer Anlage nach feuchte Wand zu malen, die Vernichtung 
vorbereitete. Daß das Abendmahl die vornehmste unter seinen 
Schiipfungen gewesen sei, schließen wir aus einigen auf uns ges 
kommenen Urtheilen Gleichzeitiger; daß die Vernichtung schon früh 
begann, entnehmen wir ebenfalls zeitgeniissischen Berichten. Die 
Lebenskraft des Werkes aber ermessen wir daraus, daß, nachdem 
dieses Zngrnndegehen dreihundert Jahre gedauert hatte, nach. den 
noch kaum sichtbaren Spuren von Lionardo7s eigner Arbeit Morgs 
hen7s Wiedererschaffung entstand, die, wie ich sagte, an die Stelle 
des Werkes selbst tretend, es der Menschheit ersetzte. Niemals 
vorher war dergleichen von einem Kupferstecher geleistet worden. 
Denn so hoch auch der Stich anzuschlagen ist, den Edelinck nach 
Lionardo7s gleichfalls zerstiirter Reiterschlacht gemacht hat, und der 
hier etwas in noch höherem Grade Vernichtetes und Verlorenes 
wieder ins Leben rief, so steht dies Gemälde an geistigem Inhalte 
dem Abendmahle nicht gleich, das wohl als die herrlichste und er: 
greifendste Darstellung bezeichnet werden kann, die wir aus der 
Geschichte Christi besitzen, und das, mag man es betrachten wie man 
will, Unübertrefflich genannt werden darf. Denn was uns bei den 
Werken antiker Kunst immer wieder in den Sinn kommt: daß sie 
von der Natur selber hervorgebracht zu sein scheinen, als habe es 
eine Zeit gegeben, wo die schaffende irdische Kraft nicht nur die 
Dinge, sondern Abbilder der Dinge zugleich mit habe wachsen lassen, 
dies Gefühl erweckt auch Lionardo7s Abendmahl. 
Die Composition ist bekannt und so oft, auch von mir selbst, 
in Worten dargestellt worden, das; es als zuviel erscheinen möchte, 
das, was Jedem wie vor den Augen steht, noch einmal vorzuerzählen. 
Aber es gibt gewisse Dinge, an denen die Welt nicht genug haben 
kann, wie Kinder an manchen Märchen, die sie immer von Neuem
        

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