Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aus den letzten fünf Jahren
Person:
Grimm, Herman
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-475486
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-479047
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drängen, und so auch die Schöpfungen der großen Bildhauer der 
Griechen und der Jtaliiiner nicht. Nicht nur Dieser und Jener 
ist von der Schönheit und dem Gehalte ihrer Werke durchdrungen, 
sondern das Gefühl, daß ihnen der Fortschritt zum Höherm ver: 
dankt werde, wurzelt so tief in uns, daß die Möglichkeit einer Er: 
schiitterung dieser Ueberzeugung uns ebenso fern liegt wie der Ge: 
danke überhaupt, daß unser gesammtes Cultnrleben einmal zu: 
sammenstiirzen und Versinken könne. Doch es soll von diesen 
Dingen in 7weiterem Umfange jetzt hier nicht die Rede sein. Ich 
gehe von der allgemeinen Betrachtung nur aus, weil sie meinem 
Gefühle nach gerade jetzt nicht oft genug zur Sprache kommen 
kann. Die Rede soll sein diesmal nur von einem Werke der 
Malerei, das der Menschheit angehört nnd dessen Anspruch, hier 
genannt zu werden, gewiß Niemand in Abrede stellen wird, das 
zugleich aber, es klingt seltsam, Niemand heute, das Wort im 
sGärferen Sinne genommen, weder gesehen hat noch sehen könnte. 
Das als vorhanden gilt, ohne eigentlich noch vorhanden zu sein D: 
Lionardo da Vinci7s Abendmahl, vor vierhundert Jahren im Kloster 
Santa Maria delle Grazie zu Mailand von ihm auf die Wand 
gemalt. Das Gen1iilde selbst ist so gut wie zerstört, der vor nun 
hundert Jahren von Raphael Morghen danach gemachte Kupferftich 
so völlig aber an seine Stelle getreten, daß er das Werk beinahe 
ersetzt, zu dessen verblaßten Ueberbleibseln, mit diesem Stiche in 
den Gedanken, die Menschen emporsehen, als ob die Gestalten der 
Composition noch sichtbar seien. 
Lionardo da Vinci ist einer von den drei modernen Künstlern 
der Jtaliiixter, die größer waren als die übrigen und danach ,,die 
großen MeisterH genannt werden: RaplJael, Michelangelo und 
Lionardo, dem Range nach heute so geordnet, obgleich das Urtheil 
ihrer Zeit und die Chronologie die umgekehrte Reihenfolge forderten. 
Drei Männer, in Zeiten fallend, wo die bildende Kunst das höchste 
Mittel bot, geistigcs Leben darznstellen, und Jeder in seiner Weise 
in einem Umfange dieses Mittels sich bedienend, die, wie sie vier 
Jahrhunderte hindurch das Staunen der Menschen erregt hat, es 
auch in Zukunft, soweit diese Zeitlichkeit noch dauern wird, erregen 
H. Gr.imkn, Fiinfkehn Essavs. IV. F. 20
        

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