Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aus den letzten fünf Jahren
Person:
Grimm, Herman
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-475486
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-478916
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Mitte des Berggipfels sitzt, völlig uns zugewandt, Apollo, nackt, 
wie ein Gott sein darf, in behaglich genießender Stimmung die Vio: 
line spielend. Während der Apollo, der auf der Schule von Athen 
als Statue eine der Nischeu füllt, die die Architektur des Tempels 
dort darbietet, nichts als das Bild einer Statue sein soll Land 
zwar seltsamer Weise das Abbild eines Narcissus, den man in 
mißverstandener Wiederherstellung mittelst einer in den Arm ge: 
legten Leier zu einem Apollo machteJ, hat der Apoll des Parnaß 
nichts von der unbewegten Ruhe einer Sculptur, sondern erscheint 
wie durchzittert von Leben und Bewegung. Die rechts und links 
um ihn her gelagerten Musen zeigen sich nur zum Theil in antiker 
Gewandung, einige tragen die Tracht moderner vornehmer römis 
scher Damen ihrer Zeit, in elegantem Faltenwerk. Apoll und 
die Musen nehmen die Höhe des Berges ein, der links, halb 
im Hintergrunde, Homer, Virgil und Dante eben emporsteigend 
sich nähern: diese drei als Gruppe für sich zusammengehörig 
und Homer als der vornehmste unter ihnen. Jedes Zeitalter hat 
Homer als den größten Dichter anerkannt. Das zuriickgebeugte Haupt 
mit den blinden Augen gen Himmel gewandt, scheint er begeistert 
zu reden: alle übrigen schweigen, oder gebieten einander Stille, in 
dem Maaße als Homers Gesang sich verbreitet, den Apoll mit, man 
möchte sagen, leisem Getön der Violine begleitet. So hat Raphael 
also auch hier Bewegung in die Eomposition gebracht. Auf der 
Disputa macht die sichtbar werdende Herrlichkeit Gottes dem Durchs 
cinandersprechen der Versammlung ein Ende, auf der Schule von 
Athen sucht Paulus sich Gehör zu verschaffen, auf dem Parnaß lassen 
Homers lautgesprochene Verse Stille entstehen. Von den übrigen 
Gestalten der Composition ist zu sagen, daß, wie bei Disputa und 
Schule von Athen, Bewohner aller Jahrhunderte bis zu Raphaels 
eigner Zeit untereinandergemischt sichtbar sind und daß seine Ab: 
sieht nicht war, eine systematische Geschichte der poetischen Litte: 
ratur auszubauen. Ich habe unter den Dichtern der eignen Zeit, 
die Raphael portraithaft realistisch darstellte, nach Raphael7s Vater 
gesucht, dem er hier wohl ein Plätzchen hätte einräumen können. 
Aus der Schule von Athen hatte er, ganz am Rande rechts zu
        

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