Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aus den letzten fünf Jahren
Person:
Grimm, Herman
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-475486
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-477651
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Patriotischen Kunst. Worin Goethes mangelnde persönliche Er: 
fahrung in Beurtheilung des Realismus, sowie des Vaterländischen 
in der Kunst hervortrete, habe ich eben darzulegen gesucht: Schadotv 
führt aus, was er seinerseits unter Naturalis1nus verstehe: täuscht 
sich aber, wenn er meint, damit Goethe etwas Neues entgegen: 
zuwerfen. In dem Sinne, in dem Schadow das Wort faßt, war 
Goethe eben so gut Naturalist als Schadow: er sucht ein Bild der 
Natur zu geben, scharf und genau wie seine Phantasie es hervor: 
bringt. J1n Werther, in Stclla, in den Wahlverwandtschaften, in 
Hern1ann und Dorothea gibt Goethe die Gedanken und das Dasein 
der Deutschen Gegenwart rein wieder und er hat dies niemals Je: 
mandem auch in der bildenden Kunst verwehren wollen; im Gegen: 
theil, wir wissen  es wurde oben erwähnt  wie lieb ihm 
Chodowiecki7s Kupfer zu1n Werther gewesen sind. Goethe forderte 
das Studium nach der lebenden Natur, er hat sich selbst abgemüht, 
seine eigene Hand und seine Augen in dieser Richtung zu bilden, 
unter Naturalismns verstand er in abweisendem Sinne dagegen 
die willkürliche Beschränkung des Gebietes der bildenden Künste auf 
das, was der baare Anblick der Wirklichkeit bietet. Hätte Goethe 
die Statue Ziethen7s gesehen, so würde er den glücklichen Griff be: 
wundert haben, mit dem Schadow den Reiterführer durch die Uni: 
form selber, die er einst trug, dem Andenken der Welt zu erhalten 
suchte; bei dem Denkmale Blücher7s für Rostock jedoch, das Sehn: 
dow später unter Goethe7s Leitung auszuführen hatte, machte dieser 
Schadow selber klar, daß es sich hier nicht mehr darum handeln 
dürfe, nur den Reitergeneral zu geben, dessen Ungestüm einzelne 
Schlachten entschied, sondern den Feldherrn, dessen Genie Deutsch: 
laud errettete. Dasselbe würde Goethe gegen Schadow7s Fries: 
drich II. Lin StettinJ vielleicht geltend gemacht haben. Friedrich 
der Große stand über dem Jahrhunderte in dem er lebend herrschte. 
Sein dreieckiger Hut und sein Zopf mögen heute noch erträglich 
scheinen, besonders der zum Zopf in der Kunst zurücstrebenden 
energischen Minorität heutiger Künstler und Kuusthistoriker: schon 
in fünfzig Jahren vielleicht aber wird der künstliche Naturalismus 
auch an Rauch7s Bildsäule Friedrich7s unverständlich geworden sein.
        

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