Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aus den letzten fünf Jahren
Person:
Grimm, Herman
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-475486
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-477152
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Goethe selbst an innerer und äußerer Vollendung zunahmen. Wie 
dies geschehen sein könnte, habe ich in meinen Vorlesungen dar: 
zulegen versucht. Das Drama empfing, als Goethe den ersten 
Theil anfangs der neunziger Jahre zum ersten Male gedruckt her: 
ausgab, damals die Sprache, welche Goethe jener Zeit als die für 
dieses Werk geeignete erschien; die allererste Form mithin mußte 
durch eine andere ersetzt werden, wie Goethe sie bei anderen Werken 
damals aufgegeben und durch neue, vollendetere Fassung ersetzt 
hatte. Goethe, als er 1790 den Faust in einem dünnen Bändchen 
zuerst der Welt vorwies, wollte zugleich zu erkennen geben, wie 
wenig diese schmale Probe das repräsentire, was er als Ganzes in 
sich trage, und so nannte er diesen ersten Druck des Faust von 
1790 ,,ein FragmentU. 1808 erst, abermals in einer anderen 
Bildungsepoche des Dichters, kam der erste Theil dann in um: 
fassenderer Vollendung heraus. 1774 also die erste Niederschrift, 
1790 erster Druck, 1808 erste abgerundete Ausgabe, 1832 zweiter 
Theill Welche bedeutnngsvollen Zwischenräume bei der unablässigen 
inneren Umarbeitung des Werkesl  
Goethe sagt verhältnißmäßig wenig über diese Arbeit der Forts 
bildung, die gewiß manche Stunden in Anspruch nahm, von denen 
Niemand je wissen wird. Erich Schmidt hat die Tagebiicher Goethe7s 
vom Jahre l797 bis 1832 durchgenonnnen und die auf die Arbeit 
am Faust bezüglichen Notizen daraus zusammengestellt. Hier ge: 
minnt man recht einen Anblick, wie dieses Gedicht Goethe stets 
umschwebte. Von den Momenten aber, wo er nur in Gedanken 
daran thätig war, hat er soviel wie nichts sagen können, sondern 
wohl nur die bemerkt, in denen es zu entschiedener Arbeit kam. 
Aus Goethe7s gelegentlichen Mittheilnngen über andere Werke, wie 
die ihn überraschten, ihm unversehens in die Seele einbrachen und 
dann durch äußere Umstände wieder hinausgedrängt wurden, dürfen 
wir schließen, daß auch Faust oft das gleiche Schicksal hatte, in 
Gedankenfragmenten dem Dichter aufzutauchen und gegenwärtig zu 
sein. Erinneru wir uns an jene nie zu voller Gestaltung gelangte 
Nausikaa oder an Jphigenie in Delphi: wie schön Goethe in der 
italienischen Reise von den Stunden erzählt, in denen diese Werke
        

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