Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Briefe eines deutschen Künstlers aus Italien
Person:
Speckter, Erwin
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-447915
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-450519
182 
Rom. 
Schwer muß ich es büßen, schwer den seligen Genuß 
des Schwelgens in Schönheiten hier durch innere Unruhe 
und Sorgen erkaufen. Immer möcht, ich schaffen und 
arbeiten, aber immer ist so viel noch erst zu lernen, zu 
sehen, zu genießen, daß ich nicht dazu komme, und dann 
quält es mich wieder, daß ich so im Lernen vielleicht 
Alles verlerne. Um zu reussiren, muß Einer entweder 
recht viel Geld besiHen, oder eine so sichere, feste Bes 
stellung haben, daß er.erst Alles sehen und einsam: 
mein und dann sich in Ruhe hinseHen und arbeiten kann. 
Wer aber nur so wenig hat, daß sich dieses während des 
Sehens schon zu Ende neigt und daß er sich dann erst 
hinseHen und ins Blaue hinein losmalen will, wenn das 
Letzte verzehrt, der ist nachher hier im furchtbarsien 
Pech. 
Ich will Euch erzählen, was ich diese Zeit wieder 
Alles gesehen; es ist sehr viel. Einen Tag wandte ich 
dazu an, Alles im Innern der Stadt zu sehen, was ich 
nicht schon kannte. Da sahen wir denn viele alte merk: 
würdige Kirchen, in deren einer einen Jesaias, Frescobild 
von Rafael CangeblichJ, der sehr schön, aber kein echter 
Jesaias ist. In einer andern, della Pace, sahen wir 
die bekannten Sibyl1en und Propheten von Rafael, auch 
a1Fresco; die Propheten freilich, glaub7 ich, sind erst spät: 
ter sanctionirt und mögen wol nicht von Rafael sein, die 
Sibyllen aber sind es unwiderruflich. Es sind keine An: 
gelos, keine echte Sibyllen, denn diese zu malen, scheint 
nur Der allein das Recht gehabt zu haben; aber vier so 
schöne Gestalten, so schön componirt und so UnübertresT2 
lich gemalt, daß ich nicht begreifen kann, wie das Fresco 
heraus gebracht ist. Eine ist auch als Sibylle schön, ein
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.