Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Geschichts-Literatur
Person:
Häusser, Ludwig
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-400900
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-409730
800 Erste Abtheilung. Zur Geschichts-Literatur. 
Es hätte sich einem Geschichtfchreiber wohl geziemt, an dies; Ver-  
hältniß zu erinnern, denn darin hängt ein Theil der Bedeutung 
Preußens und der Größe Friedrichs 1l. Wie diese Größe empor- 
wuchs, wird einem Jeden unbegreiflich sein, der König Friedrich Wil- 
helm nur aus Macaulay"s burlesker Schilderung kennt. Denn das 
Bild , das der Brite entwirft, ist nicht nur Schatten ohne Licht, es 
ist auch durchweg verfehlt, weil es die ganze Natur des Königs ver- 
kennt. Nach dem britischen Gefchichtschreiber war Friedrich Wilhelm 
boshaft nnd schadenfroh, aus Liebhaberei grausam, kurz ein Unge- 
thüm, das zur Strafe der Menschen geboren war. Ju Wahrheit 
liegen aber die Fehler jenes Fürsten ganz wo anders. J-ähzorn und 
Eigensinn war die häusigste Quelle seiner Verirrungen, es fehlte ihm 
alle edlere Cultur und geistige Zucht, der autokratifche Dünkel des 
Fürstenthums jener Tage hatte auch ihn ergriffen nnd das feinere 
Rechtsgefühl in ihm zerstört. Allein derselbe Mann, der so streng 
gegen andere war, war es auch gegen sich selbst; an Pflichtgefühl und 
an Eifer für das Gesa1nmtwohl hat ihn keiner seiner Zeitgenossen 
auf dem Thron erreicht. Er war redlich, wahr und kerndeutsch; er 
war keiner der Niedrigkeiten fähig, von denen die große und kleine 
Politik jener Tage erfüllt ist. So gelang es dem rauhen, fpartani- 
schen Zuchtmeister, in einem kleinen Lande ein gesundes -Staats- 
wesen aufznrichteu, in einer Zeit, wo die mächtigsten Staaten Eu- 
ropa7s in Agonie oder Verderbtheit dem Untergang entgegen gingen. 
Sein Heer, seine Finanzen nnd feine Verwaltung, der Anbau des 
Landes und .die Tausende von fleißigen Colonisten, die er herbeizog, 
das Aufblühen von Handel nnd Gewerbe, das in Zucht, Sparsamkeit 
und unverbranchter Kraft herangewachsene Volk, sind führwahr Denk- 
1nale feines Wirkens genug, um ihm ein Recht auf historische Wür- 
digung zu schaffen. Das hätte Macaulay von Friedrich dem Großen 
lernen können; der Sohn der vielleicht einiges Recht hatte, die Härte 
des Vaters zu beklagen, hat ihn am Schlusse seiner brandenbnrgischen 
Denkwürdigkeiten in wenigen klassisOhen Sätzen als Staatsmann und 
Regenten gewürdigt und seiner häuslichen Dinge nur in den Worten 
gedacht: on ä0it avoir que1que in(1u1gence pour la kaute des en- 
fans, en faveur des ve1-tus (1"un te! pS1"e. 
Nach diesen Proben -kann es nicht überrafchen, wenn Macaulay 
von Friedrichs Jugend und seinem Verhältnis; zum Vater ein ebenso 
ungenügendes wie schiefes Bild entwirst. Die bekannten Scenen wer-
        

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