Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Geschichts-Literatur
Person:
Häusser, Ludwig
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-400900
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-402079
34 Erste Abthcilung. Zur Geschichts-Literatur. 
bracht, der öffentliche Platz in einen engern Kreis concentrirt, aber 
von derselben Leidenschaft bewegt, von denselben Stürmen bedroht; 
sie haben sogar noch etwas gefährlicheres, weil sie den Sectengeist und 
die Disciplinirung der Partei mit hinzubringen. La1nartine graute 
vor den ersten Demonstrationen dieser Faction; er sah eine.Zeit kom- 
men wo Frankreich nur noch aus Henkern und Opfern bestand. 
Ledru-Rollin scheint sich mit Zurückhaltung benommen zu haben, 
wenigstens bringt ihn Lamartine mit diesen äußersten Auswüchsen nicht 
in Verbindung. Von seinem Blatt, der N-Zfor1ne, sagt er: es sei der 
Berg mit seinen "Donnern und Schrecken gewesen, mitten in einer 
friedlich, heitern Gesellschaft, Dantons Töne in einer politischen Aka- 
demie, ein Phantasie-Schrecken, ein Zorn in Systeme gebracht, ein 
ausgetrockneter Jacobinismus von 1794. Doch weist er alle Solida- 
rität zurück zwischen seine1n Departement und dem Wirkungskreis 
Ledru-RolIins: die Mehrheit des Landes verband sich mit den Leuten 
der Mäßigung nnd Freiheit; die hestigere nnd erbitterte Minorität 
schloß sich an den Minister des Innern an. Auch erzählt er uns 
ausführlich mit welcher Entschiedenheit er dem famosen Circnlar Ledru- 
Rollins entgegentrat, und wie sich darin zum erstenmal schlecht ver- 
hüllt der innere Zwiespalt der Regierung offenbarte. 
So verkehrte Lamartine mit allen Parteien, auch die extremsten 
nicht ausgenommen, um die Krisis die er ahnte zu beschwören. Er 
redete, vermittelte, nachdem.ihm die De1nonstrationen des März und 
April einmal die ganze Gefahr enthüllt hatten, aber die revolutionären 
Factionen rüsteten im stillen. Er schob die Krisis allenfalls hinaus, 
aber er beschwor sie nicht. Wie ihn der Moment der Entscheidung 
im Mai und Junius selber traf, darüber gibt uns der sichtbar mat- 
tere letzte Theil des Buches Aufschluß; seine ideelle Behandlung der 
Dinge, seine Friedenspolitik war gescheitert, Cavaignac mußte Frank- 
reich retten helfen. La1nartine kann ein Gefühl der bescheidenen Re- 
stgnation hier am Schluß nicht bergen; er schließt mit frommen 
Wünschen für Frankreich, nicht ohne das stille Eingeständniß daß der 
Gründungsversuch seiner idealen Republik damals mißlungen war. 
Möge, so endet er, die Unsichtbare Hand die Republik vor zwei Klip- 
hen wahren: dem Krieg und der Demagogie! Möge sie aus einer 
erhaltenden und fortschreitenden Repnblik, der einzigen dauerhasten und 
möglichen, den Samen der Sittlichkeit des Volkessund des Reichs 
Gottes e1nporblühen lassen!
        

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