Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Geschichts-Literatur
Person:
Häusser, Ludwig
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-400900
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-402031
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Erste Abtheilung. Zur Gesdhichts-Literatur. 
über Dinge die einem nicht gehörten. So sprach er fort mit steigender 
Wärme, und schloß mit den Worten: berathen wir nicht, handeln wir. 
Der Enthusiasmus, sagt Lamartine selber, hatte mehr Antheil an diesen 
Worten als die Ueberzeugung. Lamartine hatte bis dahin den Seku- 
pel so weit getrieben, daß er die Bankette laut als eine Lockung zur 
Revolution mißbilIigte; im letzten Moment schien er die Sprache zu 
ändern. Die geheime Genugthuung, diese Opposition an der er nicht 
theilgenommen weil sie ihm mehr -persönlich als national, mehr ehr- 
geizig als politisch erschien, einmal zu überraschen wie sie schwa(h und 
unentschlossen war, der Stolz über sie hinauszugehen, hatte unbewußt 
an der Wärme seiner Rede einen Antheil. Lamartine gesteht ein daß 
dieß ein Fehler, eine Jnconsequenz war. Er versuchte, sagt er, Gott 
und das Volk, und machte sich deßhalb nachher oft Vorwürfe; es 
find freilich die einzigen die auf seinem politischen Gewissen lasten. 
Es war eine Herausforderung an das Schicksal; der verständige 
Mann soll es aber nie herausfordern, sondern voraussehen und be- 
schwören. 
So brach der Kampf aus; Lamartine schildert die einzelnen Vor- 
fälle, das Wachsen des Aufruhrs, die Rathlosigkeit am Hofe bis zur 
Flucht des Königs überaus anziehend und mit reichem interessanten: 
Detail. Republikaner war er noch nicht; die Socialisten verschmähte 
er durchaus. Die Aufhebung des persönlichen Eigenthums, der Erb- 
schaft der Familie scheint ihm jeden Keim der hmnanen Entwicklung 
zu zerstören, die Eivilisation geht darüber zu Grunde, die Expropria- 
tion der Familie nennt er den Selbstmord des Menschengeschlechts. 
Mit dem König stand er außer Beziehung; Ludwig Philipp liebte ihn 
nicht, und konnte ihn ebenso wenig verstehen. Lamartine ahnte nicht 
einmal den raschen Gang den die Monarc-hie nahm; aber eben diese 
Raschheit der Ereignisse entschied über ihn. Er hatte demokratische 
Anschauungen, war aber von einer Pietät und Religiosität erfüllt die 
in seiner Familie überlieserter und angeborener Charakterzug war. 
Er wollte keine Revolution hervorrufen, aber er nahm sie an wenn 
sie unwillkürlich kam, und scheute keine Gefahr durch sie seinen 
"Jdeen Geltung zu verschaffen. Er liebte in der Demokratie die Ge- 
rechtigkeit, aber er verabscheute die Demagogie als die Thrannei der 
Massen. 
Diesem Fatalismus blieb er sich bis zur Entscheidung getreu. 
Als er in die Depntirtenkammer kam, suchte ihn eine Gruppe von
        

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