Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der deutschen Mythologie mit Einschluß der nordischen
Person:
Simrock, Karl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-391329
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-399144
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Met3gersprung. Gredel in der Butten. Waßervogel. 
Der Winter ist der Tod der Natur; auch in den Mythen werden 
Winter und Tod nicht auseinander gehalten: warum sollten- sie sich in 
den Volksfpielen nicht vertreten dürfen? Auch in ganz deutschen Gegen- 
den begegnen Spuren dieses Tausihes. Bei dem Münchener ,Metz.gersprung 
und Schiifflertanz'"(Panzer 226 ff.) ist gar die Pest an die Stelle des 
Todes getreten, und daß dieß nicht allein steht, zeigt die schwäbische Sitte 
(Meier 377), wo das ,Brunnenfpringen' wie bei jenen Münchener Volks- 
spielen auftaucht. Dort hatte die Seuche ein Lindwurm gebracht, der sich 
unter der Erde aufhielt, in der Hölle, bei ,Gredel in der Butten'; die 
Schäffler"(Biittner) hatten ihn durch Spiel und Gesang vertrieben: alten 
Opfern und Frühlingstänzen war der mörderische Winter gewichen. Nach 
einer andern Meldung war der gistspeiende Lindwurm durch einen Spie- 
gel herausgelockt worden, den man über dem Brunnen angebracht hatte. 
Das mag Entstellung der Sage vom Bafilisk (Twe1fth Night III, 4) 
sein: die Vergiftung der Brunnen und der Luft durch un"1fliegende Dra- 
chen ist uralter Glaube; als Gegenmittel zündete man Feuer  361), 
und auch diese galten für Opfer. Nach dem Gedichte ,Salomons Lob' 
bei Diemer trank ein Drache alle Brunnen zu Jerusalem aus, bis man 
sie mit Wein füllte; davon ward er- berauscht und konnte nun gebunden 
werden. Die Vergleichung der verwandten Sagen, die wir hier nicht 
verfolgen können, ergiebt, daß der Drache Nidhöggr ist, der an dem Welt- 
baume nagt, der Brunnen aber Hwergelmir; Gredel ist Gridh, die wir 
als Hel kennen, und ihre Butte der Abgrund der Hölle, den wir Z. 85 
 auch schon als Faß, saturnj c1o1ium, gedacht sahen. Sie fällt mit der 
Pest zusammen so wie mit der alten Frau, die nach M. 739 zu Frank- 
furt in den Main geworfen ward; nach dem dabei gesungenen Liede ,Reuker 
Uder schlug sein Muder" u. f. w. erscheint sie als die Mutter des Som- 
mers, der ihr nun Arm und Bein entzwei schlägt. Sie ist also gleichfalls 
der Winter und entspricht dem Tod, der bei Slaven und Romanen in 
Gestalt eines alten Weibes entzwei gesägt ward, M. 742. Auch ander- 
wärts (Schmeller I, 320) begegnet diese Gredel; daß sie in München 
für das erste Bauernweib ausgegeben wird, das sich nach der Pestzeit 
wieder in die Stadt wagte, ist deutliche Entstellung. Ein Meister des 
Gewerks führt dort noch heute den Namen ,Himmelsschäffler'. Himmel 
und Hölle stehen sich hier entgegen, wie in den Mythen der Himmels- 
und Sonnengott in die Unterwelt herabsteigt, um nach dem Kampf mit 
dem Drachen die schöne Jahreszeit heraufzuholen. 
Schwerer ist die Bedeutung des Waßervogels anzugeben, der in 
Augsburg zur Pfingstzeit mit Schilfrohr umflochten, anderwärts in Baum- 
zweige gehüllt, durch die Stadt geführt wird, M. 562. 745. Daß er 
ins Wasser geworfen ward, scheint der Name wie die Bekleidung zu sa-
        

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