Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der deutschen Mythologie mit Einschluß der nordischen
Person:
Simrock, Karl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-391329
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-395517
Allmacht. 
All-wißenheit U. s. w. 
219 
Der weise Sohn"Bölthorns ist er selbst: von Ich selber lernte er 
die Reinen und die Runenlieder. Wenn Str. 2 nur die Runen genannt 
sind, nnd diese schon die Wirkung haben, ihn von dem Baume zu lösen, 
so sind die dazu gehörigen, ihre Kraft weckenden Lieder mitverstauden. 
Diese werden auch Str. 3 unter dem theuern Meth gemeint, ans 
Odhrörir geschöpft, der Quelle der Begeisterung: er bedeutet, wie der 
nächste F darthut, die Poesie. Der theilte Meth, das Lied, belebt und 
heiligt das todte Zeichen. Darum heißt es auch Str. 18 des andern 
ebenso wichtigen Runengedichtes, das der Sigrdrifa in den Mund gelegt 
wird, die Runen müsten ,mit hehrem Metl) geheiligt' sein. 
Da nun der Runenzauber so große Macht hat, so ist die dem Odin 
beigelegte Erfindung der Reinen nur eine Sntnbolisierung seiner Allmacht, 
nnd wir überzeugen uns jetzt, das; ihm diese nicht mehr, ja kaum so 
sehr verkümmert ward als seine 9"lllwiszenheit und Allgegenwart: 
denn bedurfte er freilich erst der Runen, so ist doch mittels derselben seiner 
Macht keine andere Grenze gezogen als die in dem Wesen der Dinge 
liegt, denn eben dieses wird durch den Ruuenzauber geltend gemacht und 
über dieses hinaus vermag er nichts. Hienach ginge also wenigstens der 
Runenzauber nicht mit unrechten Dingen zu, und Myth. 982, wo dies; 
von allem Zauber behauptet wird, steht doch das Zugeständnifs daneben, 
unmittelbar aus den heiligsten Geschäften, Gottes-dienst und Dichtknnst, 
müsse aller Zauberei Ursprung geleitet werden. 
Wenn also schon das Heidenthuin Odins Macht als Zauberei auf- 
fas3te, so kann es nicht wundern, daß der historisierende Saxo, dem Odin 
nur ein Mensch war, bei dem vielen Wnuderbaren, das er von ihm be- 
richten muß, sich mit der Ausrede half, er habe sich ans Zauberei ver- 
standen. An Götter durfte Saxo als Christ nicht glauben; an Zauberei 
aber glaubte seine Zeit noch sehr stark: darum konnte Odin, ohne ein 
Gott zu sein, doch alle die vielen Wunder vollbracht haben, die ihm 
Saxo in feinen Quellen beigelegt fand. 
Aber auch Snorri oder Wer der Verfasser der Heimskringla war, 
obwohl er sonst Odin mehr als großen Heer1nann und E-roberer auffaßt, 
schreibt ihm doch gleiehfalls Zauberknnst zu. ,Er konnte durch bloße 
Worte machen, daß das Feuer erlosch und die See stille ward und der 
Wind sich drehte wohin er wollte." Yngl. 7. Das- kann aus Odins 
Runatal genommen sein, wo achtzehn zauberkräftige Lieder genannt wer- 
den, die Odin kennen will. Denn so heißt es: 
Str. 15. Ein siebentes weiß ich: wenn hoch der Saal steht 
Ueber den Leuten in Lohe, 
Wie breit sie schon brenne,' ich bei-ge sie noch: 
Den Zauber weiß ich zu zaudern.
        

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