Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der deutschen Mythologie mit Einschluß der nordischen
Person:
Simrock, Karl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-391329
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-393368
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Entwicklungsgang, Mythenvetsrhiebung. 
.der innern, da er aus Leiblichen1 und Geistige1u besteht, sein Leben sich 
in Wechselbeziehnngen zwischen Natur und Geist bewegt, so müßcu es auch 
seine Götter. Die Einheit von Geist und Natur macht uns das Studium 
der Mythologie recht anschaulieh, denn Uebergiinge aus dem einen in 
das andere überrascheu uns da Schritt für Schritt. 
Ich will noch näher anzugeben versuchen, welchen Entwickelungsgang 
die Mythen zu nehmen pflegen, indem sie von dem natürlichen Gebiet auf 
das sittliche hinüber rücken. Ursprünglich bezogen sich die Mhthen ans das 
Naturleben im Kreis3lanf des Tages oder Jahres. Aber Tagesn1ytl)en 
erweitern sich zu Jahresmythen, weil der Sommer der Tag, der Winter 
die Nacht des Jahres ist. So sind auch noch Sommer- und Winter- 
mhtheu erweiternder Umbildungen fähig; der erste Schritt, der hier zu 
geschehen pflegt, ist ihre Uebertragnng auf Leben und Tod, denn der 
Winter ist der Tod der Natur, der Sommer weckt Pflanzen nnd Thiere 
zu erneutem Leben. Mit dieser zweiten Erweiterung ist schon ein Riesen- 
schritt geschehen: Tod und Leben sind die großen Probleme, womit sich 
alle Mr)thologieen zu beschäftigen pflegen. Aber dabei bleiben sie nicht 
stehen; am Weuigsten thut das die unsere. Mit diesem Leben ist es nicht 
zu Ende; der Tod ist kein Tod aus ewig: wie auf den Winter, den Tod 
der Natur, ein neuer Frühling folgt, ein neues Leben, so ist auch vom 
Tode noch Erlösung zu hoffen, die Hölle läßt ihre Beute wieder fahren, 
die Pforten der Unterwelt können gefprengt werden, und gerade dies; ist 
der Inhalt vieler deutschen Mythen, Märchen und Sagen. Die Bedin- 
gungen, au welche diese Erlösung geknüpft ist, rücken den Mythus von 
selbst auf das geistige Gebiet, sie empfangen nun eine sittliche Bedeutung, 
während sie ursprünglich nur eine natürliche hatten. Aber auch diese 
Erweiterung ist noch nicht die letzte, deren sich die Mythen fähig zeigen: 
nicht blos; die Schicksale der einzelnen Menschen sind von Geburt nnd Tod 
begrenzt, auch die Welt wird geboren: wir nennen das Schöpfung; au- 
dererseits verfällt sie dem Tode: das ist was wir Weltuntergang zu 
nennen pflegen. Die Schöpfungsgeschichte ist ein Gegenstand aller 
Mythologieen; der deutschen Mythologie ist esleigenthiimlich, daß sie auch 
den Untergang der Welt ins Auge faßt, ja ihn zum Hauptgegenstand 
ihrer Anschauungen erhebt. Hier erfahren nun die Mythen ihre legte nnd 
mächtigste Erweiterung: ursprünglich nur auf den Wechsel von Tag und 
Nacht, Sommer und Winter, also den Kreißlauf des Tages, des Jahres 
bezüglich, werden sie nun aus das große Weltenjahr ausgedehnt: denn 
auch mit dem Untergang der Welt ist es nicht zu Ende, es folgt ihre 
Erneuerung, ihre Wiedergeburt, die Erde taucht aus der allgemeinen Flut 
wieder ans und grünt, die Acker tragen unbesäet und verjüngte, entsiihnte 
Götter werden ein geistigeres Menschengeschlecht beherrschen, das irdische
        

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