Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der deutschen Mythologie mit Einschluß der nordischen
Person:
Simrock, Karl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-391329
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-393342
Wahrheit und Dichtung zugleich, Wahrheit dem Inhalte, Dichtung der 
Form nach. Die in der Form der Schönheit angeschaute Wahrheit ist 
eben Dichtung, nicht Wirklichkeit: Wahrheit nnd Wirklichkeit werden nur 
zu oft verwechselt. Wirklich ist der Mythus nicht, gleichwohl ist er wahr. 
So lange die Mythen noch Gegenstand des Glaubens blieben, durfte 
man nicht sagen, daß diese Gedankenbilder nicht wirklich seien, daß die 
Dichtung Antheil an ihnen habe: sie wollten unmittelbar geglaubt, für 
wahr und für wirklich zugleich gehalten werden. Es gab also damals 
nur Mythen, noch keine Mythologie, denn die Deutung der Mythen, die 
höchste Aufgabe der Mythologie, war untersagt. Jeht aber sind die My- 
then nicht mehr Gegenstand des Glaubens und sollen es auch nicht wieder 
werden; wir sollen nicht mehr an Odin oder Wnotan, nicht mehr an 
Th6r oder Donar, an Freyja oder Frouwa glauben; aber darum sind es 
nicht lauter Jrrthiimer, was unsere Vorfahren von diesen Göttern träum- 
ten: es liegt Wahrheit hinter dem Scheine; aber nur durch die Deutung 
der Mnthen kann man zu dieser Wahrheit gelangen. War diese Deutung 
damals untersagt, als sie noch Gegenstand des Glaubens waren, als jene 
Götter noch verehrt wurden, als ihnen noch Opfer fielen, noch Altare 
rauchten, so ist sie jetzt erlaubt wie Pflicht des Forfchers, und dem christ- 
lichen Gotte, der ein Gott der Wahrheit und der Wirklichkeit ist, kann 
damit nur gedient sein, wenn die Unwirklichkeit der alten Götter nachge- 
wiesen wird, denn die zu Grunde liegende Wahrheit verwirft das Christen- 
thu1n nicht, ja es pflegt He als der Uroffenbarung angehörig für Ich in 
Anspruch zu nehmen. 
Wenn die Mythen für den Glauben jetzt Alles verloren haben, so 
haben sie für das Wissen gewonnen; es giebt erst jeht eine Mythologie, 
eine Wis;enschaft der Mythen. Sie lehrt uns erkennen, daß den religiösen 
Anschauungen der Völker geistige Wahrheit zu Grunde lag, der Jrrthu1n 
aber darin bestand, daß die täuschenden Bilder, in welche die Dichtung 
jene Wahrheiten kleidete, für wirklich angesehen wurden. Die Urosfenba- 
rung war verdunkelt oder gar verloren, den Gedankenbildern der Dichtung 
lag oft die volle Wahrheit nicht zu Grunde: um so weniger konnten sie 
genügen und mit dem Scheine der Wirklichkeit lange bestechen. Jn der That 
ergiebt die Geschichte des deutschen Heidenthums, wie es die Geschichte des 
aniiken gleichfalls ergiebt, das; die heidnische Form des religiösen Bewust- 
seins sich ausgelebt hatte, als das Christenthum in die Welt trat, oder 
doch als es den nordischen Völkern Verkündigt wurde, mithin der Glaube 
an den einigen Gott, der ohnediesz allen heidnisihen Religionssr)stemen zu 
Grunde lag, schon im Gemiithe der Völker vorbereitet war. Auf dem Wege 
 innerer Entwickelung war der heiduische Glaube dahin gelangt, den einigen 
Gott zu ahnen: ihn erkennen zu lehren, bedurfte es äusserst Mittheiluug.
        

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