Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der deutschen Mythologie mit Einschluß der nordischen
Person:
Simrock, Karl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-391329
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-393335
Einleitung. 
1. Aufgabe der Mythologte. 
Soll die Mythologie mehr sein als Aufzählung der Götter 1md 
Helden, mehr als Darstellung ihrer Thaten und Schicksale, soll sich das 
Bewustseiu des Volks in der vorhistorischen Zeit in ihr spiegeln, so darf 
sie sich nicl)t begnügen, die Mythen vorzulegen, sie muß sie auch deuten, 
den Logos des Mythos erschlieszen. Ost freilich dringen wir zum Ver- 
ständniss eines Mythus nicht vor, weil uns der Sinn noch verschlossen 
ist: dann gilt es, die Augen erst besser zu schärfen und zu üben; oder 
weil uns nur unvollständige Kunde von ihm beiwohnt: dann müßen mir 
uns begnügen, die vorhandenen Nachrichten zusammen zu stellen. So lange 
man einen Mythus noch nicht vollständig kennen gelernt hat, wagt man 
zu viel, sich auf seine Deutung einzulas;en. ,Ueber halb aufgedeckte Daten 
philosophische oder astronomische Deutungen zu ergießen, ist eine Verirrung, 
die dem Studium der nordischen und griechischen Mythologie Eintrag 
gethan hats Grimm Myth. S. 10. Letztes Ziel der Mythenforschung 
bleibt freilich das Verständniss der Mythen; aber erst muß der Mythus 
vollständig ermittelt sein ehe seine Deutung gelingen kann, und auch dann 
wird es oft noch der Vergleichung fremder Mythologieen bedürfen um über 
die unsrige ins Klar-e zu kommen. Erst die vergleichende Mythologie 
kann einst die Ausgabe lösen, die als höchstes Ziel der Forschung bei 
jeder einzelnen vorsihweben muß. 
2. Pcytc1Us. 
Mythns ist die älteste Form, in wel(her der heidnische Volks-geist die 
Welt und die göttlichen Dinge erkannte. Die Wahrheit erschien ihm in 
der vorgeschicl)tlichen Zeit und erscheint dem Ungebildeten noch heutzutage 
nicht in abstrakten Begriffen, wie jetzt dem geschritten, gebildeten Geiste: 
sie verkörperte sich ihm in ein Bild, ein Sinn- und Gedankenbild, seine 
Anschauungen kleideten sich in Erzählungen von den Thaten und Erleb- 
nissen der Götter, und diese Bilder, diese Erzählungen nennen wir Mythus. 
Der Mythus enthält also Wahrheit in der Form der Schönheit: der- 
Mythns ist Poesie, die älteste nnd erhnbenste Poesie der Völker. Er ist 
Sinn-oft, Mhlhologie. I 
        

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