Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung
Person:
Lamprecht, Karl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-245756
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-246811
Tonkunst. 
H 
lauf der neuen Musik, sowie ihre jüngste Umgestaltung in eine 
sogenannte musikalische ,,ModerneU; wir könnten da ebensogut 
Betrachtungen über die musikalische Zukunft anstellen: inwieweit 
etwa noch das Oratori1nn umznschasfen sei und dann die großen 
Orchesterwerke besruchten könne,  ob sich die Ka1nmermusik, eine 
Musikform in der Weise der Malerei Meissoniers, von großer Fein: 
heit, aber veralteter Technik, etwa nur für Kenner halten oder 
auch eine Belebung durch Umbildung ihrer Formen erfahren 
werde u. s. w. Dergleichen Fragen könnte man aufwerfen; und 
wie man sie auch beantworten möchte, man würde aus ihrer Be: 
handlung immerhin wertvolle Anregungen auch für die Kenntnis 
der Vergangenheit gewinnen. Wir indes ziehen den direkten Weg 
historischer Behandlung weiter, und da fesselt uns entwicklungsi 
geschichtlich nur die ,,UrzeitH der neuen Musik, die neue Musik 
als erste große künstlerische Erscheinungsform eines neuen 
Seelenlebens, des Seelenlebens der Gegenwart, der Periode 
der Reizsamkeit. Auf diesem Gebiete aber ist nur noch eine, 
freilich wichtige Frage zu behandeln: die nach der Stellung 
Wagners in dem allgemeinen soeben geschilderten Entwicklnngss 
gang. Denn was man auch sagen möge: Wagner ist die 
repräsentative Persönlichkeit dieser Bewegung und, wie wir 
bald sehen werden, er ist noch mehr: er ist die repräsentative 
Persönlichkeit der Anfänge der reizsamen Periode überhaupt. 
Da versteht es sich nun zunächst von selbst, daß jene früh von 
ihm geübte dichterische Art der Behandlung der dramatischen 
Probleme, die von vornherein  und zwar nicht zum geringsten 
von musikalischen Anregungen ans  aus innerstes Erfassen der 
seelischen Vorgänge hinwies, den Meister ohne weiteres der 
neuen Kunst zuführen mußte. Wenn Wagner aus dem tiefsten 
Drange feiner Phantasie Texte schuf ohne novellenhafte Elemente, 
ohne Jntriguen, ohne anekdotische Beigaben; wenn er die Be: 
gebenheiten unmittelbar dem Born des menschlichen Herzens 
eutströmen ließ; wenn er große Charaktere immer mehr von 
einfachsten Voraussetzungen aus zur Handlung brachte und zur 
Schuld: wie mußte er da schöpferischen Anteil nehmen an einer 
Musik, deren erstrebtes Ideal Großzügigkeit, einfaches Wesen,
        

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