Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung
Person:
Lamprecht, Karl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-245756
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-250907
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Weltanschau11ng. 
und noch mehr, auch schon die Erkenntnismöglichkeiten eines 
Seelenlebens klarzulegen, von dem im allgemeinen noch nichts 
anderes als die Phantasiethätigkeit vollkommen entwickelt istP 
Diese Lage ist aber zugleich für die weitere Entwicklung der Wissen: 
schaften in diesem Augenblicke höchst bedenklich. Können all: 
gemeine Erkenntnisprinzipien der Art, wie sie dem Seelenleben 
der Zeit entsprechen, noch nicht aufgestellt werden:  was 
hindert dann, daß den Wissenschaften Grundsätze allgemeinen 
Verfahrens von anderer Seite her ausgedrängt werden  und 
natürlich von der in der Gegenwart siegreichen, der künst: 
lerischenP Diese Gefahr, der im Zeitalter der Romantik die 
Wissenschaften schon einmal unterlegen sind, droht seht von 
neuem. 
Die Wissenschaft kennt keine Normen, sondern nur Formen 
des Erkennens. Normen, Vorschriften des Handelns und der 
schöpserischen Thätigkeit, auch wenn man sie nur als ,,Kultur: 
werten bezeichnet, kennt nur eine praktische Lebensrichtung, 
wie die des Sittenlebeus oder der Kunst; und sie entnimmt 
die oberste Norm dessen, was gut oder was schön ist, den 
praktischen Jdealen ihrer Zeit. Gleichwohl versucht jeHt eine 
namentlich unter den jüngeren Vertretern der Wissenschaft An: 
hänger werdende philosophische Richtung der Wissenschaft Normen, 
und das heißt Werturteile, aufzuzwingen; ja man träumt wohl 
gar von der Ersetzung der alten Logik, bis zurück aus die Schluß: 
formen des Aristoteles, durch eine Lehre von Normen des Urteils. 
Ja, welchem Gebiete sollen denn diese Normen entnommen werden, 
wenn nicht der Entwicklung des Lebens selbst9 Dieses Leben 
aber in Natur und Geist zu erfassen, nicht im Banne einiger 
Entmicklungsnormen, die ihm selber wieder günstigsten Falles in 
leidlicher Abstraktion entnommen sind, sondern vielmehr mit 
den unmittelbaren und freien Kräften des menschlichen Geistes 
und mit ihnen allein: das ist die wissenschaftliche Ausgabe. 
Jede Anwendung von Normen auf wissenschaftliches Denken 
gleicht darum dem Versuche Münchhausens, am eigenen Zopfe 
den Mond zu erklimmen, und unterwirft die Wissenschaften ganz 
unvermeidlich einseitig praktischen Tendenzen. Jn der Gegenwart
        

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