Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Winckelmann in Deutschland
Person:
Justi, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-232633
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-237181
Kunstßnn. 
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Dürften wir hier den Propheten ex eventu machen, so könnten wir mit 
der Verkündigung schließen, daß die Kunst, welche die nächste Generation diesen 
Rathschlägen gemäß versucht, bemüht fein wird, dem Gedächtnis; und der Hand 
einen Durchschnitt griechischer Formen einzuiiben; daß der Ankündigung des 
,,gros3en Weges zur Erweiterung der KunstH und zur ,,Unnachah1nlichkeit,U 
den Refor1nationsthesen Winckeln1anns, wie man diese Schrift genannt hat, 
ein Elassieis1nus folgen wird, hohler, lebloser, im schlimmsten Sinn moderner, 
als je einer gewesen ist; eine Kunst, viel unerfreulicher, als das wilde Bae: 
chanal des Barockstils.  
Nachdem die Malerei so lange die Plastik Cwie die BaukunstJ aus ihren 
Stilgrenzen herausgelockt, ins Schlepptau genommen hatte, schien die Plastik ihre 
Repressalien nehmen zu wollen. Sie zeichnete der Schwefterkunst das Schema 
vor, für welches diese, in gleich großer Angst vor Natur, Phantasie, Genie, 
ja vor sich selbst, eine bescheidene Ausfüllung geben durfte. UeberalI um: 
schwebten uns jene schönen gemalten Gypsfiguren, mittlere Formen, in moder: 
nem Stubenleben verzärtelte, durch Lesen von Taschenbüchern en1pfindsam ge: 
wordene Griechen, mit gehörig abgedämpftem Ausdruck, zahm gemachten Atti: 
tüden, gewürzt mit etwas Theateranftand und mit den alIegorischen Weisheits: 
fündlein des philosophischen JahrhU11deTts. 
Kein neuer Trunk aus dem ewigen Lebeusborn der Natur; kein Schöpfungs: 
rausch aus dem Kelch der Poesie, der Geschichte, der Religion; statt dessen 
sorgsame Abschlies3nng von der Wirklichkeit als der Quelle des Unedlen, Häß: 
lichen, Rohen hinter Glaswänden, in Gesellschaft veredelter und verfeinerter 
Natur  das waren die Wege, auf welchen die Kunst verjüngt werden sollte. 
Diese Reforncatoren glichen den Aerzten, welche die Krankheit zu entkräften 
glauben, indem sie dem Leben durch Blut: nnd Nahrnngsentziehung den ledten 
Stoß geben. 
An einer Stelle scheint Winckelmann sogar Schöpsungen noch späterer Genies 
in prophetischeu1 Geiste geschaut zu haben. Er läßt seine Gegner befürchten,. 
das; die Lehre von der ,,nngerührten StilleH uns Bilder bringen werde, 
welche Schilderungen von jungen Spartanern vorzustellen scheinen, ,,die ihre 
Hände unter ihrem Mantel verstecken, in der größten Stille einhertreten, und 
ihre Augen nirgendwohin, sondern vor sich auf die Erde richten 1nnßten.U  
Doch wie schön sagt Saladin:  
,,Mich dünkt, ich weiß, aus welchen Fchlern unsre Tugend keimt.U 
Winckelmanns Kunstsinn war freilich sehr begrenzt. Aber wie er sich früher 
durch die Polhmathie nicht von seinen Griechen hatte ablenken lassen, so verdarb 
ihm auch der sybaritifche. Kunstgenusz Dresdens nicht feine Einfalt und Strenge 
des Geschmacks.   
Nur die Plastik war es, mit ihrer Entfernung von allen Künsten und
        

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