Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Winckelmann in Deutschland
Person:
Justi, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-232633
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-237074
402 
Allegorie. 
Die 
Indes; die philosophische Knustlehre hat längst über die Allegorie den 
Stab gebrochen. Jedermann weiß nun, daß die Kunst nicht Zeichen, sondern 
Körper schafft für ihre Gedanken; ja auch streng genommen nicht einmal dieß, 
weil ihre Gedanken schon als Körper concipirt werden. Die Malerei ver: 
körpert keine Gedanken, sondern denkt malerisch. 
Auch das zwar dürfte man zugeben, daß in praxi die Uubedingtheit die: 
ses ästhetischen Spruchs durch Ausnahmen gemildert werden kann. Anders 
verhält es sich mit der großen Historien1nalerei, anders mit der kleinen Kunst: 
welt der Denkmünzen, Devisen, Vignetten, dem malerischen nnd bildnerischen 
Schmuck architectonischer Denkn1äler. Die decorative Kunst darf sich hier 
mehr erlauben, als die selbständige, das Basrelief mehr als die freie Scnlptur, 
die Scnlptnr mehr als die Malerei, das Fresco, mehr als das Oelbild. 
Aber Winckelmann hat keine Ahnung von solchen Unterschieden; auch 
seine eigenen Criterien vergißt er in den Beispielen völlig. ,,Zuweilen, be: 
merkt Schlegel, sollte man denken, es sei ihm nicht n1n Vorschläge für die 
Kunst zu thun, sondern um die Erfindung einer neuen Hieroglyphenschrift; 
nnd einige 1nale wird man sogar an die abgeschmackten Rebus erinnert.H 
Bei Dingen, welche dem Helden keine Ehre machen, pflegen panegyrische 
Biographen die Schuld von ihm ab ans die Zeit zu wälzen. Allein man 
kann nicht sagen, daß jene Zeit im Al1egoriegeschmack befangen war; auch ge: 
hört Winckelmann zu denen, welche Meinungen nicht wegen, sondern trotz 
ihrer Zeit adoptiren.   
Du Bos empfahl den Maleru statt der selbsterfounenen Sprache der 
Allegorie lieber die Sprache der Leidenschaften zu reden, die allen Menschen 
gemein ist. ,,Die Maler sind Dichter, sagt er, aber ihre Erfindung besteht. 
nicht im Erfinden von Ehimären und jeux cPesprit; die größten Dichter in 
der Malerei sind es nicht, welche die meisten allegorischen Personen in die 
Welt gesetzt haben.U 
Selbst in Winckeln1anns nächster Umgebung dachte man anders. Hage: 
dorn fragte, ob wir nicht des in uns stiirmenden Witzes, der nur zu oft das 
Herz leer lasse, der Sprache der Willkür und der Einfetzung iiberdriissig wer: 
den sollten und uns der ältesten und lebhaftesteu Sprache der Leidenschaft 
willigst überlassen. 
Algarotti empfahl moralische nnd abstracte Dinge durch historische Begeben: 
heiten zu symbolisircn: die Vaterlandsliebe durch Decins, der Ich den unter: 
irdischen Göttern opfert, die Unbeständigkeit des Glücks durch Marias aus den 
Triimncem Carthagos. Denn ein solches Gemälde werde gefallen, auch wenn 
sman die Intention des Künstlers nicht errathe. Wirklich giebt es eine 
Menge sehr liebenswürdiger Kunstwerke, in welchen das Bild, neben seinem 
eigenen Jnteresse und Leben, zugleich eine sinuige Analogie, eine geistreiche
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.