Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Winckelmann in Deutschland
Person:
Justi, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-232633
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-236611
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Hagedorns 
einem Briefe vom 24. December 1763 im Besitz von Herrn G. jLLigand in 
LeipzigJ, daß er de Piles für sein ,,OrakelU halte, ,,kriechendU den Watelet 
,insallibel nenne.  
 Wenn man vollends seine eclectischen Thorheiten hört, so sollte man zwei: 
sein, ob er überhaupt ein Vorläufer besserer Zeiten genannt zu werden ver: 
 Er erwartet die Vollendung der Malerei von einem Austausch nie: 
derländischen Farbensinns und italienischen For1nenfmns: er liebt es, sich die 
edelsten Werke Raphaels mit der anziehenden und überraschenden Wahrheit 
Tizians vorzustellen; er glaubt, daß die geringe Natur, der Rembrandt in. 
seinen Formen folge, sich leicht absondern lasse von der das Auge gewaltsam 
an sich reißenden Beleuchtung und der schmeichelnd überredenden Zanberkraft 
der Farben. Warum solle der fEei nachah1nende Künstler nicht denken können 
wie Leochares und malen wie Rembrandt  diesen Einfall hatte Hagedorn 
beim Anblick des bnrlesken Gauy1ned in der Gallerie zu Dresdeni Ja er 
wünscht, Terburg und Metsu hätten uns statt holländischer Nätherinnen zu: 
weilen eine Andromache unter ihren fleißigen Franenziunnem gezeigt2 
Dennoch ist in Hagedorns ,,BetrachtungenU viel mehr Originalität, als 
man wähnt, wenn 1nan sie nur nach solchen, damals in allen Büchern obligat 
wiederholten Gemeinplätg,en beurtheilt.  
Innerhalb der originelleren Jngredienzien seines Buchs lassen sich zwei 
sehr verschiedene Gruppen von SäHen unterscheiden. In der einen Gruppe 
erscheint er als Vorläufer der Periode der wiederbelebten Antike, des Stils 
plastischer Idealität; in der andern Gruppe zeigt er sich beherrscht von dem 
Gefühl des nnauflöslichen Zusammenhangs der Kunst mit Volksart und per: 
sönlicher Sinnesart, mit den volkswirthschaftlichen Bedürfnissen und den ge: 
selligen Erholungen. Das Kunstwerk versetzt uns nicht in eine abgesonderte 
Region der Empfindungen: es spricht uns an durch eben das, was uns im 
Leben das liebste ist; es ist nicht eine Zusammensetzung zerstüclelter Procedu: 
ren, sondern es geht im ganzen und im einzelnen aus einem genialen Wurf 
hervor, der sich stetig von der Conception auf die Ausführung verbreitet. 
Läugnen läßt sich nicht, daß diese Gedankenreihe Hagedorn viel mehr 
am Herzen liegt, als die eclectifche, oder die academische, oder die antikisirende. 
Er für seine Person suchte in der Kunst viel weniger Vollkommenheit der Form, 
als Empfindung, vorzüglich die sentimentale Empßndung, welche idyllische Dich: 
ung und Landsihast erwecken. Er betrachtet die Malerei, wie die Erneuerer. 
unserer Literatur die Poesie betrachteten, als Mittel zur ,,Bildung des HerzensU, 
d. h. zur feineren Empfindungssähigkeit, welche der Verknöcherung und Un: 
wahrheit ein Ende machen sollte, die über unseren Lebensverhältnissen lag. 
Sehr bezeichnend eröffnet Hagedorn seine Betrachtungen mit der Eritis 
i1erung an eine.Villeggiatur, wo er und der Freund, an den sie gerichtet sind,
        

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