Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Winckelmann in Deutschland
Person:
Justi, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-232633
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-235201
Nutzen der 
historischer: 
Studien. 
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ans Ende der drei Abschnitte seines Lebens in Deutschland die Geschichte zu 
stehen kommt: die Univerütätsjahre schlossen mit dem Verhältniß zu dem Hat: 
lischen Eanzler; die altmärkische Zeit mit dem Plan einer academischen Habi: 
litation für die Geschichte; die Jahre in Sachsen mit dem Entwurf, den wir 
soeben kennen gelernt haben. 
Zwei Reihen historischer Studien beschäftigten Winckelmann nebeneinander, 
ohne daß sie sich viel berührten. Auf die alte Reichshiftorie im Lichte des Staats: 
rechts war er mehr durch äußere Verhältnisse und Verbindungen geführt wor:, 
den; zuletzt war sie ihm zu einer Despotin geworden, unter deren ,Znmnthun: 
gen er seufzte und Vesreiungspläne schmiedete. 
Die andere Reihe enthält die neuere enropäifche Staatengesehichte im Lichte 
des Völkerrechts, der Politik nnd der Philosophie, unter der Führung Natur: 
rechtslehrer nnd Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts. Ungleich mehr als 
in der ersten Reihe, arbeitete Winckelmann hier, ohne es zu wissen, seinen 
spätern eigenen Unternehmungen vor. Aber um die an diesem Stoff erwor: 
bene Form auf den neuen Inhalt zu übertragen, mußte er erst alle diese 
Studien aufgeben. 
Wie kühn erscheint Winclelmann in dieser Entsagungl Man stelle sich 
seine Lage vor. Dureh eine Verkettung von Umständen, die in der Theil: 
nahme an dem Bünansehen Catalog und an der Bünauschen Geschichte nur. 
cnlminirten, war er einer der ersten Bibliothekare und Geschichtskenner seiner 
Zeit geworden. Wollte man sein Wissen zählen statt es zu wägen, so würde 
man wohl zu dem Resultate kommen, daß er hier allein so orientirt war, 
wie es für einen öffentlichen Lehrer sieh gebührte. Die Coutinuität der Stn: 
dien, die Beherrschung stofflicher Vorräthe, das Interesse der Zeit, zufällige 
Fügnngen seines Lebens, kurz innere und äußere Ursachen schienen ihn hier: 
her zu ziehen. 
Wie wenige würden sich ans dieser angenehmen und,Brot verfchaffenden 
Vielgeschäftigkeit zu der Einfachheit, Ganzheit nnd Leidenschaftlichkeit des Stu: 
din1ns znrücfgesnnden haben, durch die allein Großes erzielt wirdl Wie manche 
würden in seiner Lage mach Göthe7s WortenJ dem Zufälligen, unter dem 
Namen einer göttlichen Führung, eine Art von Vernunft zugeschrieben haben, 
der zu folgen ihnen für eine Religion gegolten hätte, während sie in der That 
sich nur hätten vom Zufall determiniren lassen. Welcher Entschluß, in seinen 
elenden Verhältnissen nnd in feinen Jahren, das mit Mühe Gewonnene weg: 
3nwerfen, gleichsam Jahrzehnte ans dem Buch des Lebens herausznreißen und 
nach Ueberfchreitnng der Mitte des Lebens, das Wagniß zu unternehmen, 
die Wanderschast als leichter Fußgänger noch einmal von vorn anzutretenl 
Zum Lohn dafür kam nun alles, was er hier von Ideen und Vorbildern, 
von Methode nnd Darstellungsknnft gesehen und geübt hatte, dem bisher so
        

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