Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Winckelmann in Deutschland
Person:
Justi, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-232633
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-234549
Homer. 
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Seine Hexameter su1nmen ihm in den Ohren, als er, gequält vom Lärm 
schmu1ziger Abecedcirier, ,,seine Gleichnisse betetU nnd in norddentscher Nacht 
und Nebel die ,,Gluth des ionischeu HimmelsU in den Farben des Dichters 
fühlt, der ,,mitder höchsten Grazie begabt war.H Dreimal, so hörten wir, 
las er ihn in dem Winter vor seinem ersten Versuch, über griechische Kunst 
zu schreiben; und wie es zu geschehen pflegt, daß man für die, die man am 
innigsten kennt, bei jeder Rückkehr andere und bessere Augen mitbringt: so 
glaubte er ihn nun bis dahin nicht anders geschmeckt zu haben, als Leute, die 
ihn in einer prosaischen UeberseHung lesen. 
Hier erschienen ihm zuerstdie Götter nnd Göttinnen, die Homer den Griechen 
gegeben hat; hier erfüllte er sich mit einem Schatz poetisiher Geschichten, Ge: 
stalten und Züge, in denen er später die ersten Jnspirationen der griechischen 
Künstler erkannte, und die dann der Hebel wurden, womit er die Scenen 
antiker Basreliess von dem Spuk der römischen Geschichte säuberte, den die 
Jtaliener hineingebracht hatten. Und zuletzt, als er seinen Stuhl zu den Ge: 
lehrten dieser Nation setzen wollte, sbequemte er sich auch, den Homer mit dem 
Späherauget für das zu dnrchsnchen, was er sonst wohl als antiquarische Quis: 
quilien verspottete. Diese Qnisqnilien finden sich in den unzähligen Citaten 
seiner Monumenti, wo man sehen kann, wie hunderte von Stellen über Costii1n 
U. dergl. der Heidenzeit nach Combinationen mit Bildwerken hiustreben. Aber 
das Beste von der Wirkung eines solchen Dichters wird nicht in Citaten aus: 
gemiinzt. . 
Das Beste, was Winckelmann aus dem Homer herauslas, lag auch nicht 
ganz in dem, was ein gelehrter Literarhistoriker einen ,,Anfang ho1uerischer 
AesthetikU genannt hat. Denn Winckelmann spricht doch nur von dem Kleinen 
in den Manifestationeu des bildnerischen Geists im Homer: von der figürlichen 
Malerei seiner poetischen Bilder und Vergleiche, von der musikalisä;en Malerei 
seiner Silbeu und Rhythmen, wiewohl allerdings Homers dichteriscser Stil von 
Alten und Neuen in diesem Kleinen vorzüglich erkannt und empfunden worden ist. 
,,Jm Homer ist Alles gemalt und zur Malerei erdichtet und geschaffen. 
Zwei Verse machen den Druck, die Geschwindigkeit, die verminderte Kraft im 
Eindringen, die Langsamkeit im Dnrchfahren und den gehemmten Fortgang 
des Pfeils, den Pandarus auf Menelaus abschoß, sinnlicher durch den Klang, 
als durch die Worte selbst. Man glaubt den Pfeil wahrhaftig abgedrückt, 
durch die Luft,fahren und in den Schild des Menelans eindringen zu seheu.sH
        

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