Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Winckelmann in Deutschland
Person:
Justi, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-232633
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-234466
Bortheile seines 
Studiums. 
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und noch weniger bleiben, kaum drei bis vier, wenn man die ganz Willkür: 
lichen und die durch bloßes Mis3verständniß veranlaßten abzieht. Man hält 
stets das für Verdienstlich, was einem sauer wird; und Winckelmann hätte 
gar zu gern gezeigt, das; er den Casaubon, Rhodomann, Wesfeling auf ihr 
eigenstes Feld folgen könne; ja daß ihnen bei aller Belisenheit das einfach 
Wahre entgangen sei, welches ihm nun die Kunstwerke offenbarten. 
Sonst war es theils der Anblick der Pedanten der letzten Zeit, theils 
ein Sinn, der zum Stosslichen forteilt, und die sehr Verzeihliche Geringschätzung 
des Versagten, die Winckelmann zuweilen verführte, in den Chor der Ver: 
ächter jener seltenen Kunst einzustimmen, die ein so weites und treues Ge: 
dächtnif;, wie haarspaltenden Scharfsinn, eine so bewegliche Phantasie wie 
kaltblütiges Urtheil erfordert. Wenn man sie von den Händen des Mei: 
sters ausüben sieht, so sollte man fast das Unheil siir ein Glück halten, wel: 
ches Unwissenheit und Leichtsinn in den Texten angerichtet hat, da sie uns 
diese feinsüh.lige Heilkunst geschenkt haben, die sich in die Winkel einer schrist: 
stellerischen Individualität und ihres Jdioms gleichsam einschleicht, nnd deren 
Werk, wie das des Restaurators von Gemälden, dann vollkommen ist, wenn 
sie gegen den wiederhergestellten Glanz des Alten verschwindet; eine Kunst 
endlich, die gern auf die Anerkennung der Menge verzichtet, welcher sie mit 
allen Schrecken gelehrter Dürre umgeben erscheint, während sie für ihre Adepten 
solche Reize hat, das; ihnen oft der Verzicht auf jede andere Theilnahme an 
den Denkmälern des Alterthums sehr leicht wird.  
So mangelhaft war in vieler Beziehung die philologische Ausrüstung 
dieses Ernenerers der Alterthnmswissenfchaft; aber ein glücklicher Kopf kann 
selbst Schaden in Gewinn verwandeln: seine Gebrechen sind oft die Kehrseite 
seiner Tugenden. 
Wäre Winckel1nann, so dachten Manche, bei Tiberius Hemsterhuis in 
die Schule gegangen, vielleicht wäre ihm erspart worden, sich von ihm unendlich 
untergeordneten Recensenten und Editoren seiner Werke ein Register von Feh: 
1ern anstreichen zu lassen, das fast so dick ist, wie sein Text; vielleicht würde 
er aber auch beim Sammeln stehen geblieben sein.7 
Wer weniger Stoff hat, als er zu fassen und zu beherrschen vermöchte 
und wünschte, der wird dieß Wenige desto vollständiger aussaugen und ver: 
dauen; wenn er keine Lesarten vergleichen kann, so muß er sich wohl mit den 
Sachen beschäftigen nnd über den Buchstaben hinauödenken; er kann Ach feine 
Lieblingsbiicher wählen nach ihrer Bedeutung und nach ihrer Congenialität, 
statt nach den zufälligen Bedürfnissen ihrer Reinigung; statt die Texte als 
Anlnüpfungspuntte für antiquarische und grammatische Excurfe anzusehen, wird 
er sie mit seinen. Ansichten von Welt, Leben und allem, was der Menschheit
        

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