Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Winckelmann in Deutschland
Person:
Justi, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-232633
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-234239
118 
Conrector Voyfen. 
Der 
zwei Jahre lang als ein glänzendes Meteor am alt1närkischen Schulhim1nel 
standl Alles dies; war das Werk eines blutjnngen Candidaten der Theologie 
aus Halberstadt, Friedrich Eberhard Boysen. Er kam aus Halle voll jugend: 
lichen Eifers, zu lehren, was er gestern gelernt; und er hatte Alles gelernt, 
was bei den Michaelis, Schutze, Lndewig und den beiden Baumgarteu zu 
lernen war. Er rüttelte sogar den Rector Paalzow dergestalt auf, daß er ihn 
als Gehülfen seines Planes betrachten konnte.  
Schon in der Probevorlesung hatte er durch sein flies3endes Latein, 
durch seine Vertrautheit mit dem Griechischen, dem Shrifihen und dem Tal: 
mud, und durch einen Vortrag über die Theorie des Begriffs, den Ge: 
lehrten Seehaufens gewaltig impouirt; der Jnspector wählte zu seiner Ein: 
führungsrede das Thema ,,über die frühreifen Köpfe;tt eine von Seiten eines 
Jnspectors gewiß nicht alltägliche Artigkeit. 
Boysen hielt 36 Stunden öffentlichen Uuterrichts, nnd widmete seine 
freie Zeit ebenfalls der Schule. Er war in dem neuerungssiichtigen Halle 
Cwie er sagtJ, ganz von selbst auf pädagogische Ideen gekommen, die sehr 
den bald so viel Lärm machenden philanthropischen Theorien glichen; der 
Jahrhunderte alte Schulwust wurde nun auf einmal ausgefegt. 
Er beseitigte das mechanische Me1noriren und Hersagen, gewöhnte die 
Schüler mit ihm zu arbeiten und richtete die Logik zu für den Gebrauch des 
geselligen Lebens und zur Bildung des Geschmacks; in der Rhetorik und De; 
clamation wurde die Baumgartensche Aesthetik bereits für die Schule ver: 
werthet.  
Im Griechischen konnte er den Knaben zwar nichts über den Eoangelisten 
Lucas und Gesners Chrestomathie hinaus zumuthen: desto griindlicher war das 
System, welches er für das Lesen der Lateiner erfand, die einem achtfältigen 
Processe unterworfen wurden. Zuerst wurde der Inhalt eingeprägt und wört: 
lic; übertragen. Sofort wurden die Regeln nach der tnärkischen Grammatik 
herausconstruiit, die stilistischen Eleganzen nach Heineccius ausgezeichnet, die 
Realien aus Historie und Antiquitäten beleuchtet. Nachdem man das also ge: 
wonnene Verständniß in eine freie Uebersetzung hineingetragen hatte, wurde eine 
Jmitation gemacht, eine puerilische zuerst und dann eine männliche, welche das 
Exercitiun1 ersetzte. ,,Zuweilen üben wir uns auch in kleinen Critikeu. Wir 
lallen von verschiedenen Lesarten, erfinden auch wohl welä;e, wenn wir in 
den n0tjs varjorum keine bemerkt finden, jagen Phrasen auf und setzen den 
Text in ein anderes Latein.U 
Die Schuldisputationen wurden nach dem Muster der academischen 
organisirt, und Boysen schrieb bei solchen Gelegenheiten gelehrte Pro: 
gramme, darunter eines über das homerische 7c0zisxöpe0c. Bei solchen Dispu: 
tationen präs1dirten Rector oder Conrector und verfertigten die Hälfte der
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.