Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Von der ältesten Zeit bis zu Maximilian I.
Person:
Stacke, Ludwig Christian
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-125849
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-130923
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Kaiser 
aus 
dem 
fränkische11 
Hause, 
die ersehnte Kunde erhielt, das; sein Vater der Last des Kummers erlegen und 
nor zu Lüttich gestorben sei tAng. 1106J. Er war erst sechsundfünfzig Jahre alt. 
Der Bischof von Liittich ließ ihn feierlich und mit kaiserlichen Ehren bei: 
setzen; allein der Gebannte sollte auch im Tode von der Kirche ausgeschlossen 
bleiben. Der Leichnam mußte aus der Gruft heraufgeholt werden und wurde 
unbeerdigt auf einer kleinen Maasinsel hingestellt. Hier sang ein mitleidiger 
Mönch aus Jerusalem Tag und Nacht Bußpsalmen a1n Sarge fiir des Kaisers 
Seele. Dann ward der Leichnam nach Speier gebracht, wo ihn das Volk mit 
Rührung und Ehrfurcht empfing, da der Verstorbene sich um die Stadt sehr ver: 
dient gemacht hatte. Er ward in der von ihm erbauten Marienkirche beigeseZt. 
Sogleich verbot der Bischof allen Gottesdienst; der Sarg mußte wieder empor: 
gezogen und in eine noch unge1oeihte Kapelle gesetzt werden. Hier standen die 
Gebeine des ungliicklichen Kaisers noch fünf Jahre über der Erde, bis erst im 
Jahre 1111 der Bann aufgehoben und der Leichnam mit kaiserlicher Pracht in 
die väterliche Ebgruft gesenkt ward. Hier ruhte er bis 1689, wo die Franzosen 
bei der Einiischerung Speiers die Gräber der friiukischen Kaiser plünderteu. 
So groß auch die Fehler und Verirrungen Heinrichs IV. sein mögen, so 
zierten ihn doch schöne Tugenden. Ausgestattet mit Scharfsinn und 1Irtheilskraft, 
die ihm im Gerichte nnd im Rathe das Richtige finden ließen, bewies er selbst 
gegen seine Feinde Gros;1nuth, gegen die Armen, die an ihm einen Vater und 
Beschützer verloren, die grösste Wohlthätigkeit und Milde. Seine schöne, tnajestä: 
tische Gestalt, die über alle Fürsten hervorragte, beknndete sein ritterliches Wesen. 
Wie tapfer er gewesen, geht schon daraus hervor, daß er, wenn auch nicht immer 
Sieger, in zweiundsechzig Schlachten gefochten hat und durch seine Erfindungs: 
kraft und die IInerschöpflichkeit seiner Hilfsmittel oft seine siegreichen Feinde in 
Verwunderung und Verlegenheit setzte. Wenn er furchtbar im Zorn, schnell zur 
Rache und streng bis zur Härte war, so traten doch die Züge der Milde, Groß: 
mnth und Bersöhnlichkeit in den Vordergrund.  
Aber ungeachtet dieser reichen Begabung konnte Heinrichs IV. Regierung 
nicht nur keine segensrcichen Ergebnisse hervorbringen, sondern mußte sogar alle 
Errungenschaften seiner Vorgänger zerstören. Die Gebrechen des auf den Tit: 
genden der Treue und Pietät beruhenden Lehnsstaates traten in ihrer ganzen 
Nacktheit hervor; der Lehnseid wurde zum Meineid, seitdem ihn die Kirche für 
1u1verbindlich erklärte, das Gefühl der nationalen Zusammengehörigkeit erlosch im 
partikularistischen Stan1mesbcwus3tsein nnd in den Sonderinteressen der einzelnen 
Fürsten. Auch der .Klerus wurde von der Reichsge1oalt getrennt, seitdem der 
Krone das Recht der Jnvestitur streitig gemacht ward. Unter solchen 1In1stiinden 
mußten alle Bestrebungen der früheren Kaiser, ein einheitliches und mächtiges 
Reich zu griinden, spurlos untergehen, insbesondere war die kaiserliche Machtfiille,. 
mit der einst Heinrich III. im Reiche und in der Kirche gewaltet, gänzlich dahin, 
seitdem der Stuhl Petri die Weltherrschaft ursurpirt hatte. Wenn nun auch 
Heinrich in diesem Ka11ipfe um die Herrschaft erlegen war, so hatte doch sein 
Widerstand den Absolutis1nus des Hildebraudischen Systems so gebrochen, daß
        

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