Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Von der ältesten Zeit bis zu Maximilian I.
Person:
Stacke, Ludwig Christian
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-125849
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-130686
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frät1kis,chc11 
dem 
Kaiser aus 
Hause. 
ihres geistlic;cn Amtes nnd der damit verbundenen Grafenrechte durch 1Ieberreichung von 
Ring und Stab ertheilt. Juden: nun Gregor das Gebot erließ, daß kein Geistlicher mehr 
ein Bisthum oder ein Kircheuamt aus der Hand eines Laien annehmen, kein Laie mehr, 
sei er König oder Fürst, an einem Geistlichen die Jnvestitnr üben sollte, bei Strafe des 
Vannes für jeden Theil, hob er zwar den Mißbrauch auf, der mit der Vergebung geists 
licher Aemter an Unwürdige getrieben wurde nnd der zum größten Theil den Verfall der 
Kirche veranlaßt hatte, verlegte aber auch die Gerechtsame der Fürsten, denen die Vers 
leihung der mit dem geistlichen Amte verbundenen weltlichen Rechte und Güter nach dem 
Herkommen zustand. Die deutschen Erzbisthümer und Visthümer umfaßten Gebiete, 
welche Königreichen und Herzogthiimern an Umfang nicht nachstanden, manche Abtei nnd 
manches Kloster übertraf an Land nnd Einkiinften Fürstenthü1uer und Grafschafteu, die 
Macht des deutschen Reiches beruhte ganz besonders auf dein Klerus, der, wie er die Ges 
schäfte der Regierung in seinen Händen hatte, so auch seine Mannen und Dienstlente ins 
Feld schickte. Durch den Lehnsverband waren geistliche nnd weltliche Vasallen innig mit 
einander verbunden und in dasselbe Verhältniß zum Reichsoberhaupt gestellt, nnd Be: 
lehnnng mit Ring und Stab, wovon jener die Verlobung mit der Kirche, dieser das 
geistliche Hirtenanct bedeutete, kam dem weltlicheu Fahnenlehn vollkommen gleich. Eine 
konsequente Durchführung des Verbots der Laien:Jnvestitur wiirde den Papst zum Herrn 
von mindestens dem dritten Theile aller Territorien in christlichen Landen gemacht und 
das Lehnssystem, den Gr11ndpseiler des 1nittelalterlichen Staates, völlig zerstört haben. 
Aus diesen Verhältnissen erklärt es sich, wie sich der Jnvestiturstreit fast über die ganze 
fränkifch:salische Periode hinziehen konnte. 
Aber Gregor begnügte sich nicht damit; die vom Staate abgelöste Kirche frei neben 
denselben hinznstellen, die Kirche sollte vieln1ehr hoch über dem Staate stehen und in ihrer 
hierarchisch:theokratischen Verfassung nicht nur die episcopale Thiitigkeit der Bischöfe, 
sondern auch das ganze staatsbürgerliche Leben der Christenheit beherrschen; selbst uubes 
schränkt nnd völlig absolut sollte der rön1ische Papst als Statthalter Christi auf Erden 
Kaiser, Könige und Fürsten und alle weltliche Macht in Abhängigkeit halten. Nicht blos 
Emanzipation der Kirche vom Staate, sondern Unterwerfung des Königthums unter das 
Papsttlznn: war das legte Ziel des Hildebrandinischen Systems. 
Gregor V11. ist von jeher verschieden benrtlJeilt worden. Es war keine gemeine 
Herrschsucht, kein persönlicher Ehrgeiz, der ihn bei der Durchführung seiner Jdeen beseelte 
und leitete. Wie er selbst einen sittenreineu Wandel führte, so lag auch seinem hierars 
chischen Streben keine Heuchelei und Selbstsucht, sondern die volle Ueberzeugnng von der 
Wahrheit nnd Berechtigung seines Systems zu Grunde. Es war der Geist der Zeit, der 
in ihm gleichsam Verlörpert, seine höchste persönliche Spitze in ihm gefunden hatte. Sein 
Jrrthn1n war auch zugleich der Jrrthum der Zeit, der Jnnerliches und Aeus;erlichcs, Gött: 
liches und Meuschliches verwechselnd, den Papst als den Stellvertreter Christi mit Christo 
selbst identifizirte und die geistliche Herrschaft, welche dem Reiche Christi zusteht, als eine 
iiußerlichc weltliche Herrschaft auf die Kirche und ihr irdisches Oberhaupt übertrug. Die 
Ueberzeugungstreue, welche die Person Gregors V1I. auszeichnet, rechtfertigt nicht sein 
System. Der hierarchische Priesterstaat, den er erzielte, beruhte aus den beschränkten eng: 
herzigen Ideen von Clnny, es war eine unnatürliche Schöpfung, eine Scheidung der 
Menschen in Heilige und Unheilige, eine Herrschaft der Auserwählten, bedingt durch die 
Unfreiheit der Menge, deren Seelenheil von den GnadenInitteln der Kirche und ihres 
Oberhanptes abhängig gemacht wurde, ohne daß der eigentlichen Geistes: und Herzenss 
bildung des einen wie dessanderen Theiles die wahre Erhebung geboten wurde. Sein 
System, das feine Nachfolger unter der Gunst der Verhältnisse weiter geführt haben, hat 
dem Mittelalter den hierarehischen Charakter ausgedrückt, der es neben dem Feudalsystem 
auf Jahrhunderte hinaus gekennzeichnet hat.
        

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