Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung 1873
Person:
Lessing, Julius Universal Exhibition <1873, Wien>
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-120467
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-120968
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römifche der eigentliche Stamm unserer ganzen Kunst geworden 
ist. Als die antike Kunst znsa1nmengebrochen war, wurden ihrer 
byzantinifchen Nachfolgerin frische Lebenskriifte aus dem Oriente 
zugeführt; die romanische Periode, die Blüthezeit des Mittel: 
alters, holte ihren ganzen Vorrath von Flachornamenten, von 
phantastischen Thieren und Blattwerk aus den orientalischen 
Seidenstoffen, welche der Handel nnd die Kreuzzüge herüber 
führten; die Renaissance in ihrer höchsten Blüthe machte ihre 
Anleihe beiden arabischen Kleinkünstlern. Das siebenzehnte Jahr: 
hundert bildete feine Töpferwaaren dem eingeführten chinesischen 
Porzellane nach, und die Periode des Rocoeo hat sich mit dem 
Chinesenthum auf das zärtlichste verschwistert. Gegen Ende.des 
vorigen Jahrhundertstbrachten die indischen Kattune eine voll: 
ständige Umwälzung tin der Musterung der gedruckten nnd ge: 
webteu Stoffe hervor. Für bestimmte Gebiete, wie Longshawls, 
denkt kein Mensch an etwas Anderes als an ein indisChes Muster, 
und wenn wir jetzt wiederum Teppiche und Stoffe aller Art 
nach asiatischem Muster gestaltet sehen, so haben wir gar keinen 
Grund, dies als ein besonderes Armuthszeugniß unserer Periode 
aufzufassen, sondern wir sehen nur, wie in Unserer Zeit ganz 
ebenso, wie in allen früheren, das Abendland dem ersindnngs: 
reichen Morgenlande in einem großen Gebiete der Kunstfertigkeit 
nachsteht nnd nach wie vor nichts Besseres thun kann, als sich 
wieder an dem besseren Vorbilde aufzufrischen. Diese eigen: 
thümliche Art von Einfluß übt nun aber augenblicklich nicht die 
chinesisch:japanische Gruppe, sondern vielmehr die vorderasiatiskhe, 
als deren geistiges Haupt Persien dasteht, von welchem die 
Türkei, Arabien und die übrigen oorderasiatischen Länder kiinst: 
lerisch abhängig sind. 
Im Oriente hat man es seit nnvordenklichen Zeiten her ver: 
standen, die natürlichen Formen der Pflanzen: und Thierwelt 
mit absoluter Sicherheit für die Musterungt der Stoffe und Ge2
        

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