Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche Kunstgeschichte
Person:
Knackfuß, Hermann
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-107379
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-111280
346 
Die 
Gotik. 
bilden; die spitzen Fialen und Bedachungen der Figurennischeu, überhaupt alles, was 
 andre gotische Bauten sich in so eigentümlich reizvollen phantastischen U1nrissen vom 
Himmel abzeichnen läßt, haftet hier am Körper der mächtigen Strebepseiler und der 
Wände, ist nur reliefartig angedeutet. Unwillkürlich bekommt man die Vorstellung, als 
ob ein vorforglicher Magis1rat darauf geachtet habe, daß keine allzukühnen Steingebilde 
in der Höhe angebracht würden, die möglicherweise einmal herabstürzeu und das Leben 
eines vorüberwandelnden Bürgers in Gefahr bringen könnten. 
Eine von den beiden Pfarrkirchen gänzlich verschiedene Gestalt zeigt ein 
kleineres, aber gleichfalls sehr charakteristisches und bedeutsames Werk der Nürn: 
berger Baukunst, die Frauenkirche, welche auf Veranlassung Kaiser Karls 1V. 
in den Jahren 1354s61 an der Stelle errichtet wurde, wo die kurz vorher 
zerstörte Judensynagoge gestanden hatte. Dieses Gebäude besteht  ebenso 
wie mehrere westfälische Kirchen  aus einem völlig quadratischen Raum, dem 
sich ein Langchor von der Breite des Mittelschisfs anschlies3t; vier Rundpfeiler 
tragen die neun gleichen quadratischen Gewölbefelder der Schiffe. Diese Anlage 
machte ans den kunstsinnigen Kaiser, der seine Jugend in Frankreich verbracht 
hatte und eine Vorliebe für den dort heimischen prächtigen Kathedralstil besaß, 
gar nicht den Eindruck einer Kirche, und er gab dem Bauwerk den bezeichnenden 
Namen ,,Unser Lieben Frauen SaalH.i Es war Bestimmung des Kaisers, daß 
von hier aus jede neue Königswahl dem Volke der getreuen Reichsstadt ösfent: 
lich Verkündigt werden sollte, und dieser Bestimmung gemäß erhielt die dem 
Großen Markt zugewendete Fassade der Kirche eine besonders glänzende Ausstattung. 
Eine prächtig gesch1nückte Vorhalle CAbb. 201J wurde hier aufgeführt, von deren ge: 
räumiger Plattform aus jene Bekanntmachungen geschahen. Der große Giebel des 
gemeinsamen Daches der drei Schiffe erhielt eine Gestalt, die auch auf uns einen 
unkirchlichen Eindruck macht, nämlich die dem bürgerlichen Häuserbau entliehene 
Gestalt des Stasfelgiebels: nur ein erkerartig in seiner MitteIemporsteigendes 
Glockentürmchen weist an dieser Stelle auf den kirchlichen Charakter des Hauses hin. 
Den Schmuck des Giebels bilden außer dem Erkertür1nchen und den Fialen der 
Strebepfeiler, die ihn einschließen und durchschneiden, zahlreiche Reihen kleiner Bogens 
paare und Nifrhen.  
Die Plattform, zu welcher kleine Treppentürmchen emporsühren, ist von einer 
prächtigen Brustwehr umgeben, in deren üppiges Maßwerk die Wappen des Reiches, 
der sieben Kursürften und der Stadt Rom eingeflochten sind; der Adlerschild steht aufrecht 
in der Mitte, die andern Wappen zeigen die schräge L,,gestürzteEI Stellung, welche die 
gotische Kunst verzierungsweife angebrachten Schilden regeln1äszig zu geben pflegte, und 
die der natürlichen Lage des Schildes am Arm des Reiters entsprach CAbb. 201J. Auf 
der Plattform erhebt sich ein Kapellchen, ein besonderes Miniaturgebäude mit eignem 
Giebeltürmc;en. Dasselbe zeigt spätere Formen als das übrige Bauwerk; es wurde im 
Jahre 1462, der Uberlieserung nnd; durch den Bildhauer Adam Kraft, ausgeführt. 
Die ganze Vorhalle ist innen und aussen aufs reichfte mit Figuren ausgestattet, 
selbst die Rippen der Wölbung sind mit Standbildchen von Engeln bedeckt, der Schlußstein 
zeigt eine Darstellung der Krönung Marias, in den Bogenzwickeln außen erfcheiUcU 
schwebende Gestalten in halberhabener Arbeit.  
Der Fignrenschmuck an der Vorhalle der Frauenkirche zeigt die Nürnberger 
Vildhauerkunst des .14. Jahrhunderts auf einer eigenartigen Höhe der Entwickelung. 
Obgleich diese zahlreichen größeren und kleineren Gestalten von verschiedenen
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.