Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche Kunstgeschichte
Person:
Knackfuß, Hermann
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-107379
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-111073
Die 
Gotik 
mittleren, 
und 
Deutschland. 
siid1ichen 
325 
mehr zu erkennen.gab. Die Gotik war den deutschen Baukünstlern in Fleisch und 
Blut übergegangen und erhielt iiberallcein unabhängiges und völlig deutsches Gepräge. 
Am eigenartigsten trat sie in Westfalen auf. Hatte dieses Landischon zur 
Zeit des ron1anischen Stils gegen die benachbarten, aber durch Sprache und 
Sitte sich scharf abgrenzenden niederrheinischen Gebiete auch in künstlerischer Hin: 
ficht in deutlich hervortretenden1 Gegensah gestanden, so prägte sich während des 
gotischen Zeitraums dieser GegensaH noch stärker aus. Statt von der begeisternngs: 
vollen Poesie, welche die rheinischen Kirchen zu schmuckreichen Wunderwerken 
emporwachsen ließ, wurde die westfälische Gotik von einem ruhigen, besonnenen 
Ernst geleitet. Sie trat nicht sowohl als eine plötzliche Neuerung auf, als sie 
sich vielmehr wie die folgerichtige Ausbildung dessen darstellte, was der west: 
fälische Ubergangsstil angebahnt hatte.  
Die bedeutsamste Schöpfung des leHteren, die Hallenform der Kirchen, gelangte 
mit dem neuen Stil zu ganz ausschließlich.er Herrschaft, und zwar in einer Gestalt, 
welche von derjenigen der hessischen Elisabethkirche wesentlich verschieden war. 
Während bei dieser die Teilung des Langhauses in drei Schiffe sich durch die 
enge Pfeilerstellung und durch die geringe Breite der Nebenschisfe noch ganz 
bestimmt ausprägte, verwischte die w.estfälische Baukunst diese Teilung, indem 
sie mit dem Höhenunterschiede auch den Breitenunterschied zwischen Mittelschiff 
und Seitenschiffen aufhob; die letzteren wurden dem ersteren beinahe gleich breit 
gebildet, und der seitlichen Ausdehnung entsprechend wurden auch in der ,Längs:. 
richtung die Pfeiler so weit auseinander gestellt, daß der ganze Raum nunmehr 
von gleichartigen, annähernd quadratifchen Gewölben bedeckt ward. So sprachen 
die Pfeiler auch nicht andeutungsweise mehr eine Scheidung aus,.sondern sie 
stellten sich mit Entschiedenheit nur als die Träger der gemeinschaftlichen Decke 
der weiten Halle dar. Auf diese Weise,entstanden Jnnenräu1ne von einer ganz 
eigenartigen Wirkung.s Es ist. nicht, wie sonst in gotischen Kirchen, der lebendige 
Drang nach oben, welcher den vorherrschenden Eindrnck.besti1n1nt; denn der 
Blick durchmißt nach allen Seiten hin frei den ausgedehnten ei11heitlichen Raum, 
dessen Breite die Höhe bedeutend übertrifft.   
Das erste größere Werk der westfälischen Gotik ward in Minden ausgeführt, 
wo zwischen dem alten romanischen Westbau und dem im Übergangsstil erbauten 
Querhaus des Domsi in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts ein neues 
Langhaus errichtet wurde. Die geschilderten Eigentiin1lichkeiten kommen in 
diesem Werke voll zur Geltung; zugleich stellen sie sich hier am schönsten und 
großartigsten dar. ,Die weite lustige Halle des Mindener Doms, deren Formen 
die ganze frische Anmut der jugendlichen Gotik umkleidet, reiht sich den edelsten 
Meisterwerken der gotischen Baukunst an CAbb. 190J. Reizvollstes Leben verleihen 
dem Raum die prächtigen, ungewöhnlich reichen und phantasievollen Maßwerk: 
gebilde der hohen nnd breiten Fenster, von denen ans das Tageslicht hell ein: 
strömt und. die schönen Pfeiler mit ihren Laubkränzen und mit den nach allen 
Seiten sich gleichmäßig anseinanderbiegenden Gnrtnngen der Gewölbe rings 
umstrahlt.  E 
        

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