Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche Kunstgeschichte
Person:
Knackfuß, Hermann
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-107379
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-110887
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I1I. 
Gotik. 
Die 
Bewunderung, die der Größe und Schönheit des gewaltigen Werkes, zu allen 
Zeiten gezollt wurde, ist in vollstem Maße gerechtfertigt. Selbst der Jtaliener 
Enea Silvio de7 Piccolomini, der nachntalige Papst Pius II., ein weitgereister 
nnd feingebildeter Mann, der von den humaniftischen Grundsätzen und An: 
schauungen seiner Heimat durchdrungen war, konnte ihm seine Anerkennung nicht 
versagen: ,,Die bischösliche Kirche CStraßburgsI,U schreibt er in seinem Buche 
über Land und Leute von Deutschland, ,,die Münster genannt wird, aus be: 
hauenem Stein prachtvoll errichtet, ist zu einem mächtig großen Bau empor: 
gestiegen, mit zwei Türmen geschmückt, von denen der eine, welcher ausgebaut 
ist, ein wundervolles Werk, sein Haupt in den Wolken birgt.st 
Das Jahrhundert der Renaissance, das sonst wenig geneigt war, die 
Schöpfungen des Mittelalters zu bewundern, reihte das Straßburger Münster. 
den sieben Weltwundern, mit denen ja auch der Freiburger Dom verglichen 
wurde, als achtes an. Man glaubte sogar aussprechen zu müssen, daß dasselbe 
den Dianentempel zu Ephefus, die ägyptifchen Pyramiden und alle jene Wunder: 
werke des Altertums noch weit überträfe.  
Die Bauhütte blieb auch nach Beendigung des Werkes bestehen, da Oder 
Riesenbau fortwährend Ausbesserungen erforderte. ,,Der ehrsame und kunstreiche 
Johannes Hült;,, Werkmeister dieses Baues und Vollbringer des hohen Turmes 
hier zu Straßburg, Cwie ihn seine Grabschrift nannte; starb 1449. Schon unter 
seinem Nachfolger, Jost DoHinger von Wortns, mußten die Gewölbe des Lang: 
haufes ausgebessert werden. Von diesem Meister rührt der in durchbrochener 
Arbeit trefflich ausgeführte Taufstein her, welcher neben dem Eingang zur 
Johanneskapel1e aufgestellt ist. Ein noch glänzenderes Schn1uckstück erhielt die 
Kirche in der steinernen Kanzel LAbb. 181J, welche im Jahre 1485 aus Ver: 
anlassung des Ammeisters Peter Schott zu Ehren des beliebten redegewaltigen 
Predigers Dr. Johannes Geiler von Kaysersberg im Langhause aufgestellt 
wurde. Ihr Erfinder ist Hans Hammerer, der später Cseit 1510J Werkmeister 
des Münsters war. 
Die Kanzel ruht auf einem achtccligen Mittelpseiler, der mit Säulchen, Figuren 
und Baldachinen geschmückt ist, und auf sechs jene Hauptstiisze umgebenden, mit Figuren 
und einer Überfiille von Schmuckwerk bedeckten schlankeren Pfeilern; zwischen diesen 
spannen sich geschweifte Bogen aus, die von gleichartigen, sich von oben herabsenkenden 
Bogen durchschnitten werden. Krauses Blatt1verk  entartete Krabben  wächst auf 
den Schweisungen; die Zwischenräume füllt üppig wucherndes Maszwerl, aus den SpiHetl 
der hängenden Bogen steigen lleine Türmchen auf. Jn demselben Geiste ist die zusanunens 
hängende Baldachinmasse gebildet, die sich über den Figuren der7 Brüstung herauszieht. 
Es ist, als ob das Grundwesen eines gleichsam lebendigen Wachstums, das der Gotik von 
ihrem ersten Auftreten an innewohnte, in einein letzten Ausflackern von Kraft vor dem 
völligen Absterben den Zwang des regelndeu Gesetzes durchbrochen hätte; die einst. is 
wohlentwickelten Formen ranken wild umher wie ungepslegtes Gesträuch. Daß diese 
überreichen Gebilde in ihrer prunkenden Fülle einen starken n1nlerischen Reiz ausüben, 
läßt sich dabei nicht leugnen. Die figürlichen Bild1uerke der Briistung zeigen in einem 
Felde den Gekreuzigten zwischen Maria und Johannes, in den übrigen je zwei Apostel. 
An den Säulchen, welche die Felder voneinander trennen, stehen unter besonderen
        

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