Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche Kunstgeschichte
Person:
Knackfuß, Hermann
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-107379
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-107926
Anfänge 
Die 
Kunst. 
deutschen 
Quadersteinen aufgeführte Denkmal besteht aus zwei GescJossen, einem zehneckigen Unter: 
bau mit einer mächtigen Bogennische an jeder der zehn Seiten, dessen kreuzförmiger Jnnen: 
raum als Kapelle zur Abhaltung des Trauergottesdienstes diente, und aus einem gegen 
den unteren Teil etwas zurücktretenden Oberstock, der urfprüngliih von einem offenen 
Bogengang mit gekuppelten und einfachen Säulchen umgeben war, und dessen kreisrunder 
Jnnenraum den Marmorsarg enthielt. Die Kuppel ist aus einem einzigen ungeheuren 
Blocke istrischen Marmors gebildet, dessen Gewicht man auf 9400 Zentner berechnet hat: 
gewissermaßen ein Wahrzeichen der jugendlich übermütigen Kraft des Gotenvolkes, 
vielleicht eine Erinnerung an die Sitte der Väter, die Grabstätten hervorragender Helden 
durch riesige Felsblöcke auszuzeichnen; die in regelmäßigen Abständen angebrachten 
Henkel, welche zur Handhabung der gewaltigen Masse dienten, sind stehen gelassen und 
bilden einen ebenso wirkungsvo11en wie eigenartigen Schmuck. Einige Einzelheiten an Thür: 
einfassung nnd Gesimsen zeigen in ihren Gliederungen eine größere Lebendigkeit, als sich 
irgendwo anders bei Werken dieser Zeit findet; es sind dies Nebendinge, die dem Auge 
des oberflächlic;en Beschauers entgehen, aber sie sind hoch bedeutsam als Merkmale einer 
jugendsrischen Kraft, die unbewußt die Formen einer erstarrten Kunst nmgeftaltete. Völlig 
selbständiges Gepräge tragen die ornamentalen Einzelheiten; vorzugsweise erregt eine in 
verschiedenen Formen wiederkehrende Verzierung die Aufmerksamkeit, welche wie eine 
Reihe von aufgerichteten Zangen aussieht, das berühmte Gotenornament; am schönsten ist 
Frie3otnament 
Grabmal 
Thcodorichs 
Ravenna. 
dasselbe entwickelt in dem Fries unter der Kuppel, wo es nicht ununterbrochen zusammen: 
hängt, sondern, der Größe der sehr regelmäßigen Steine entsprechend, in symmetrische 
Gruppen geteilt ist und durch Schneckenro1len, wie wir sie als sehr bezeichnende Bildung 
in manchen aus Metalldraht hergestellten nordischen Schmucksachen finden, bereichcrt 
wird CAbb. 6;. Nirgendwo bietet die römische oder byzantinische Kunst ein Vorbild für 
diese Verzierungsform, wohl aber kommt sie ganz gleichartig vor an den in der Bibliothek 
zu Ravenna aufbewahrten Resten einer in der Nähe gefundenen goldenen Prachtriistung 
aus derselben Zeit und als Schnitzerei an einem bedeutend jüngeren norwegischen Holz: 
stahl Tini Museum zu ChristianiaJ, bei dem sie friei3artig unter dem Sitz herumläuft. 
Der Säulenumgang ist zerstört, das Grabmal zeigt sich ni6ht mehr in feiner 
ganzen Höhe, da der vor einigen Jahren trocken gelegtc Fußboden des Unter: 
geschosses infolge der allmählichen Hebung des sumpfigen Küstenlandes bedeutend 
tiefer liegt als das u1ngebende Erdreich. Aber noch macht das ernste und 
erhabene Denkmal, dessen vortrefflicher Baustoff in der Schärfe und Sauberkeit
        

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