Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Weltgeschichte in Umrissen
Person:
Yorck von Wartenburg, Maximilian
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-59837
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-62537
und 
Christenthum 
Schönheitskultus. 
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welcher Ich schnell des gesammteu Westens bemächtigte und dann, durch 
des Konstantius bald erfolgenden Tod Alleinherrscher wurde. Bekannt 
ist, daß dieser tüchtige und begabte Mann mit Anspannung aller Kraft 
den Versuch unternahm, dem Christenthume die gewonnene Herrschaft 
wieder zu entreißen, das Heidenthum wieder zu beleben. In solchem 
Konflikte begriffen, dessen Hoffnungslosigkeit wir klar erkennen, ist des 
Julianus Gestalt für uns eine tragische in der Weltgeschichte wie die 
des Saul, aber sie kann doch nur deshalb so auf uns wirken, weil sein 
Bestreben auch gute Gründe innerer Berechtigung hatte, nicht ein 
unfinniges, unbedingt schädliches war. Tragisch erscheint uns ein 
Philipp II. nicht. Und die innere Berechtigung des Julian lag darin, 
daß hier wie in allen weltgeschichtlich großen Konflikten nicht auf einer 
Seite allein Recht und Wahrheit ist. Unser Wesen beruht allerdings 
durchaus auf dem Christenthu1ne, würde ohne dasselbe zerfallen, aber 
dennoch ist nicht zu leugnen, daß das Große und Schöne in Kunst und 
Poesie heidnisch ist, man sehe Shakespeare, darin ist so wenig ein Funke 
von Chris1enthum wie im Nibelungenlied oder in Goethe oder in dem 
1nächtigsten aller poetischen Werke, den homerischen Gedichten. Die 
wunderbare Schönheit der antiken Bildhauerei verherrlicht und vergöttlicht 
den Menschen, und die großen Maler des Cinquecento waren meist 
Heiden. Ja es sind Kunst und Poesie heidnisch, denn sie sind der 
Kultus des menschlich Schönen, aber ganz ohne dieses Heidenthum ver: 
möchte doch die Menschheit ein volles Dasein nicht zu führen. Das 
Christenthu1n der Apostel, ja im letzten Grunde die Lehre Christi selbst, 
verdammt und verleugnet den Sinneugenuß, hohe Blüthe in Poesie und 
Kunst ist aber ohne Sinnlichkeit nicht denkbar. Dennoch aber giebt es 
für uns keine erhabenere Lehre als die, welche ,,das ganze Gesetz und 
die ProphetenU zusammenfaßt in die zwei Gebote der Liebe zu Gott 
und der Liebe zum Nächsten. Wir würden untergehen ohne das 
Christeuthu1n, wie aber könnten wir leben ohne jede Poesie, jede KunstP 
Freilich haben Menschen gelebt ein volles inhaltsreiches Dasein in gänz: 
licher Abwendung vom Sinnlichen, während das U1ngekehrte kaum je 
ein menschliches Leben zu vollem Genügen hat gelangen lassen. So 
muß freilich bei einein Konflikte Homer vor dem Apostel Paulus 
weichen, denn allerdings im Grunde widersprechen sie sich, und so mußte
        

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