Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Murillo
Person:
Knackfuß, Hermann Murillo, Bartolomé Esteban
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3551105
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3551745
durch scharfe Beleuchtung hervorgehobene 
seh11ige Miinnergestalt mit bräunlicher Haut 
und schwarzem, wirrem Haar, mit einem 
sehr bedeutenden Kopf von echt spanischem 
Schnitt, saltet, an einen Felsen der Wüste 
gelehnt, die knochigen Hände und wendet 
den Blick empor, der unsichtbaren Quelle 
des Lichts entgegen, das die blauschwarze 
Wolkenuacht durchbricht. Joseph ist als 
zur Zeit der Flucht in dem Ruinenland 
Agypte11 verweile11d gedacht. In den Resten 
eines zerfalleneu Gemäuers, das einige 
antike Ba11sormen aufweist, auf einer Art 
von Terrasse stehend, hat er das Jesuskind, 
das etwa vierjährig erscheint, vor sich auf 
einen Baustein gestellt 11nd hält es 1nit 
beiden Händen fest. Der Knabe, in ein 
helles Röckchen von weicher Lilafarbe ge: 
kleidet, lehnt sich an die in violettgraue und 
dunkelgraugelbe Gewänder gehüllte Gestalt 
des Pflegevaters nnd schmiegt seine11 Locken: 
kopf an dessen Brust, während er den Blick 
voll auf den Beschauer heftet. Joseph aber 
wendet seinen kräftig geschnittenen Kopf, dem 
die waltende Fülle des dichten Haares eine 
besonders mächtige Erscheinung gibt, seit: 
wärts und späht mit scharfen Augen hinaus 
in die Landfchast, deren lichte Ferne sich 
weithin unter dem blauen, von Gewölk 
dnrchflogenen Himmel ausdehnt; hochanf: 
gerichtet hält er Umschau, ob nirgends 
zwischen den weißen Bauwerken oder auf 
den Höhen der Hiigelkette Verfolger nahen. 
MurilIo hat das unbestreitbare Verdienst, 
den BeschiiHer der Kindheit Jesu, ans dem 
die meisten älteren Maler eine recht nichts: 
sagende Persönlichkeit gemacht haben, with: 
rend die neueren ihn mit einem Ubermaß 
von schwächlicher Weichheit und dem Aus: 
druck von Frömmelei auszustatten pflegen, 
in all seinen verschiedenen St. Josephs: 
bildern  die im einzelnen voneinander 
abweichen in der Bildung des Kopfes  
in würdiger Weise als eine ausdrncksvolle, 
kräftige Männererscheinung aufgefaßt z11 
haben Cvergl. Abb. 37J.  In nachoben 
spitz, zulaufenden Feldern, die sich unter den 
Anfängen des Bogens, welcher den ganzen 
Aufbau des Hochaltars abschloß, befunden 
haben, sind zwei Heilige der Entsagung, 
denen beiden das Jesuskind erscheint, in 
Halbsiguren dargestellt CAbb. 38 und 39J. 
In dem einen Bild steht das Kind vor dem 
heiligen Antonius von Padua, der es mit 
glühender Junigkeit betrachtet, auf dessen 
Gebetbuch. In de1n anderen ruht es in den 
braunen Händen eines Greises mit dem 
Bettelsack, des heiligen Felix, 11ud ftreichelt 
dessen struppigen Graubart. A11f beiden 
Bildern le11chtet der KindesJkörper wie das 
Licht in der Finsternis in der Umgebung 
von Braun und Grau; besonders schön auf 
dem lex3genannten, in dem die wenigen Töne 
wundervoll zusa1nmengesti1n1nt find. 
Die einzelnen Altarbilder aus der Ko: 
puzinerkirche übertreffen eins das andere 
an Schönheit. Das größte derselben stellt 
die Verkündigung Marias dar, ein kleineres 
die nnbefleckte En1pfängnis, ein anderes die 
Klage um den Leichnam Christi; sechs von 
übereinstimmender Größe zeigen eine noch: 
malige Darstellung der unbefleckten Ein: 
pfängnis, die Anbetung der Hirten, die 
Weltentsagung des heiligen Franeiseus, 
nochmals den heiligen Antonius und den 
heiligen Felix und die Al1nosenspende des 
heiligen Thomas von Villanueva. 
Zu diesen neun großen Ge1nälden kommt 
noch ein kleines Juwel, ein Madounen: 
bildchen von kaum 60 Eentimetern im Quad: 
rat, von dem die Sage zu erzählen weiß, 
Mnrillo habe eine Serviette vom Eßtisch 
genommen, um dasselbe darauf wie mit 
Zauberhand entstehen zu lassen; daher führt 
es den Beinamen ,,de la servilleta.tt Es 
ist nicht zu verwundern, daß sich an dieses 
mit glückliihfter Leichtigkeit ges chaffene Meister: 
werk die Vorstellung von etwas Anßerge: 
wöhnlichem geheftet hat. Aus dem schwarzen 
Hintergrnnd löst sich farbig das Brustbild 
Marias, und vo11 den Armen der Mutter 
aus streckt das leuchtend helle Kind sich vor, 
auf den Beschauer zu. Das Kind ist so 
körperhaft gemalt, daß es vor den Rahmen 
herauszukom1nen scheint, und seine großen 
Augen sprechen so lebhaft, als ob es einen 
gleich anreden wollte. Der Blick des Jesus: 
kindes wird von dem ruhigen und milden 
Blick Marias begleitet. Es liegt etwas 
Uubeschreibliches in dem. Bann dieser vier 
dunklen Augen. 
In dem Bild der Verkündigung CAbb. 40I 
weicht die Anordnung von der herkömmlichen 
Weise, an der auch Mnrillo in seinen frühe: 
ren Behaudlnngen dieses Gegenstandes fest: 
hielt, dadurch ab, daß der Him1nelsbote der 
betenden Jungfrau gerade von vorn ent: 
gegentritt, so daß diese ihn sieht, ohne sic;
        

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