Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ideen über Zeichenunterricht und künstlerische Berufsbildung
Person:
Hirth, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3532136
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3532599
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gesalbt ist, einfach die Geschäfte des Schulbüttels besorgt. 
So mancher talentvolle Junge erliegt wohl gar diesem 
strengen Gange harter 2Nühlsteine und geht physisch oder 
moralisch zu Grunde. Von den Allermeisten aber kann 
man sagen, daß He ihre Individualität einbüßen. Dieser 
ganzen HetZjagd nach schablonenhafter ,,höherer BildungH, 
welche ein täglich wachsendes geistiges Poletariat zur Folge 
hat, ist durds das Phantom des EinjährigeniExamens 
noch dazu eine Art offizieller Weihe gegeben worden. Nicht 
mehr blos Mißgriffe in der Berufswahl, nicht mehr blos 
gesellschaftliche Vorurtheile, sondern auch ersparte Dienstjahre 
treiben immer weitere Volkskreise in den Hexenkessel der 
Gelehrtenbildung. 
Aber wenn doch nur die Nivellirung der Geister allein 
zu beklagen wäret Für alle bildenden Künste und Gewerbe 
erwächst aus dieser Dressur noch ein Uebelstand, der bei 
den also Gedrillten gar nicht wieder gut zu machen ist. 
Kunst kommt her von Können, und ein altes Sprichwort 
sagt: ,,Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimn1ermehr.ts 
Wenn nun Hänschen in seinen goldenen Jahren alles 
Mögliche, nur nicht das lernt, worauf. es in den Künsten 
vor Allem ankommt, nämlich das ,,Könnentt, so ist klar, 
daß die ausschließliche G7mnasialbildung auf diesem Gebiete 
ein großer Mißgriff ist. Jede Kunst erfordert ein gewisses 
Maß von handwerksmäßiger Sicherheit, die aber mit Teich; 
tigkeit erfahrungsmäßig nur in einem bestimmten Lebens: 
alter erworben wird, nämlich in den Jahren der eintretenden 
Reife und jedenfalls ehe das Herz des Jünglings von heißer 
Liebe und großen Jdeen bewegt und von feurigem Thaten: 
drang geschrvellt ist. Wie das kleine Kind mühelos jede 
fremde Sprad2e parliren lernt, so leicht wird dem begcibten 
Knaben bei rechter Lehre die Erwerbung technischer Fertigi 
keiten. Der Verlust dieser Jahre ist für den Künstler ver: 
hängnißvolI; sein angeborenes Talent wird ihm zwar, wenn
        

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