Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ideen über Zeichenunterricht und künstlerische Berufsbildung
Person:
Hirth, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3532136
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3532348
das wirkliche Talent zu erkennen und zu befördern. Ja noch 
mehr: auf den eigenen Fortschritt verzichtend, wird der 
Lehrer gar leicht ungerecht und ungeduldig; die Schablone wird 
ihm zum Faulbett, und wehe dem kühnen Knaben, dessen höhere 
Begabung gegen den hergebrachten Forn1alismus sid2 auflehntl 
Den gewöhnlichen Einwand, daß die Schule ja im All: 
gemeinen Rezepte für talentlos e Kinder. brauche, muß ich 
gerade mit Rücksicht auf den Zeichenunterricht entschieden 
zurückweisen. Denn wenn auch wirklich die große Mehr: 
zahl der Schüler ohne alle und jede Begabung wäre  
wird dann, indem man ihnen eine dilettantenhaft geleckte 
Scheinkunst andrillt, irgend etwas Gutes gethanP Wird 
dadurch nicht vielmehr die Ueberhebung, der Dünkel groß: 
gezogenP Ich glaube aber, daß es mit der Begabung für 
die bildenden Künste bei der großen 2Nasse unserer Kinder 
gar nicht so schlecht steht, wie gemeinhin angenommen wird, 
daß vielmehr die Mißerfolge bei den Z17eisten der gänzlich 
verfehlten Führung zuzuschreiben nnd. Gewiß ist die Zahl 
der genial angelegten Naturen eine sehr geringe; ebenso 
klein aber dürfte die Zahl der absolut Talentlosen sein. 
Nur reicht eben die bescheidene Begabung der Z17ehrzahl 
nicht aus, um der falschen Unleitung zu trotzen; die kleine 
Flamme erlischt, noch ehe sie sich recht entwickelt hat. 
Darum bin ich der Meit1ung, daß schon der gewöhnliche 
Zeichenunterricht möglichste Freiheit der Hand und der Auf: 
fass ung anzustreben habe. Der begabte Schüler sollte, wie er in 
der wohlgeset5ten ZNuttersprache seine Gedanken ausdrückt, 
hier seine bildlichen Phantaßen und Eindrücke wiedergeben 
lernen: das Zeichnen sollte ihm zur mühelosen F o rm e nschrift 
werden. Wenn dann auch die mäßig oder wenig Begabten sich 
nicht. zu einer höheren Sicherheit und Leichtigkeit des Vortrags 
aufschwingen können  immerhin wird das, was auch sie 
auf diesem Wege erreichen, werthvoller sein, als die Er: 
rungenschaft des heute in der Regel beliebten Zeichenunterrichts.
        

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